Wie umgehen mit Interessenkonflikten?

Eine sechsseitige kritische Stellungnahme der Ärzteinitiative MEZIS e.V., Leitlinienwatch.de und Transparency International Deutschland e.V vom März 2022 gegenüber den medizinischen Fachgesellschaften hat Wellen geschlagen. In der Stellungnahme (PDF) wird der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) ihre Position zur Zusammenarbeit mit der Pharma-Industrie vorgeworfen. Laut den Verfasser*innen werden seitens der Fachgesellschaften „die gängigen Kooperationsformen von Medizin*innen mit der Industrie quasi als natürliche Symbiose dargestellt. Es wird verschwiegen, dass sich auch Nachteile für Patient*innen und Versicherte aus der finanziellen Verflechtung von Firmen, Ärzt*innen und Fachgesellschaften ergeben können.“ (S. 1) Daraus ergeben sich sechs Forderungen, u.a. die Benennung von gemeinsamen Interessen von Medizin und Industrie unter gleichzeitiger Benennung gegensätzlicher Interessen und Risiken der Zusammenarbeit, die Transparenz derselben auch in Publikationen, Ausschluss von Sachverständigen bei Interessenkonflikten, Durchführung von Kongressen und Fortbildungen ohne finanzielle Unterstützung der Industrie, Reduzierung überdimensionierter Marketing-Auftritte der Pharma-Industrie und völliger Verzicht auf ärztliche Fortbildungen durch Herstellerfirmen. (S. 1-2).

Der Hintergrund der Forderungen wird zudem ausführlich erläutert und geht auf die Themen „Zusammenarbeit bei der Produktentwicklung und Forschung“, „Beraterverträge“, „Leitlinien“, „Fortbildungssponsoring“, „Industriesymposien als Geschäftsmodell medizinischer Fachgesellschaften“, „Industrieausstellung auf Kongressen“, und der Ankündigung der Gründung einer gemeinsamen Plattform der AWMF mit der Industrie ein (S. 3-6). Alles Punkte, die es gerade aus der Patient*innen-Sicht zu reflektieren gilt, wobei gleichzeitig auffällt, dass keine Vereinigung der Patient*innen zum Kreis der Kritiker*innen gehört und sich die Frage stellt, ob eine Einbeziehung geplant gewesen ist.

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten und die angegriffene Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften hat in einem dreiseitigen Statement ihre Position verdeutlicht. www.awmf.org Im Kern geht sie davon aus, „dass eine Kooperation zwischen Angehörigen medizinischer Berufe und Industrie bei der Entwicklung neuer Behandlungsverfahren erforderlich ist. Dies generiert in unvermeidbarer Weise Interessenkonflikte auf Seiten der involvierten Personen. Ein interessenkonfliktfreier Zustand an dieser Grenzfläche könnte nur hergestellt werden, wenn auf jede Berührung oder Austausch verzichtet würde.“ (S. 1). Dies ist aus Sicht der AWMF nicht wünschenswert, und sie geht in der Folge zwar nicht auf alle Kritikpunkte ein, reflektiert aber einige von ihnen und versucht andere zu entkräften: „Die vielfach monierte Tatsache der industriedominierten Studienprotokolle und Datenverwertungen wird auch von der AWMF kritisiert; sie wird sich langfristig nur durch einen niederschwelligeren Zugang zu öffentlicher Finanzierung von klinischer Forschung korrigieren lassen.“ (S. 2) In ihrem Fazit heißt es: „Interessenkonflikte zwischen wissenschaftlicher Medizin und Industrie sind im Sinne der Weiterentwicklung der medizinischen Therapien nicht immer vermeidbar. Die AWMF sieht ihre Aufgabe darin, Regelwerke für die Schaffung von Transparenz in Bezug auf das Vorliegen sekundärer (direkter finanzieller und indirekter) Interessen und den Umgang mit existierenden Interessenkonflikten zu definieren. Maximalforderungen oder gar eine unterschwellige Kriminalisierung helfen dabei nicht, da sie dort, wo eine Kooperation zwischen Medizin und Industrie notwendig ist, eine offene Kontaktnahme behindern.“

Die Diskussion um die Kritik der Nähe von Ärzt*innen zur Pharma-Industrie dürfte weitergehen und muss gesamtgesellschaftlich – auch und gerade unter Einbeziehung der Selbstorganisation der Betroffenen – geführt werden. Da es auch auf Ebene der Selbsthilfeverbände ähnliche Diskussionen gegeben hat und immer wieder gibt (Stichwort: „Leitlinien zur Wahrung von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung“ der DAG-SHG, September 2021), ist ein Vergleich der jeweiligen Regelwerke zum Umgang mit Interessenkonflikten bzw. der Transparenz des eigenen Handelns möglich. Passend dazu hat Transparency International Deutschland e.V. aktuell eine Projektförderung der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt erhalten, um die Initiative Transparente Zivilgesellschaft (ITZ) neu aufzustellen. 1.600 Organisationen haben letztere unterzeichnet und sind damit die Verpflichtung eingegangen, auf ihren Internetseiten laufend zehn Transparenzinformationen bereit zu stellen (u.a. zur Finanzierung, den Entscheidungsstrukturen und den Zielen). Das Projekt dient der Stärkung der Transparenz und digitalen Vernetzung innerhalb der Zivilgesellschaft, soll neue Angebote schaffen und die Vereine und Verbände für das Thema Transparenz und gute Organisationsführung sensibilisieren, so Transparency International Deutschland e.V. auf ihre Website.

Frank Omland
Öffentlichkeitsarbeit

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