Wenn Arme ärmer und Reiche noch reicher werden

Kaum ein anderes Thema führt zu so vielen Kontroversen wie die Frage nach der Spaltung der Bundesrepublik in arm und reich. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung bringt regelmäßig durch ihr Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut den Verteilungsbericht zum Einkommen in Deutschland heraus. Datengrundlage ist das Sozio-oekonomische Panel (SOEP), eine jährliche repräsentative Erhebung von rund 30.000 Personen in 11.000 Haushalten. Weil hierbei immer dieselben Haushalte befragt werden, können Entwicklungen tatsächlich einzelnen Haushalten zugeordnet werden. Basis ist das tatsächlich verfügbare inflationsbereinigte Haushaltsnettoeinkommen, also das Einkommen nach Abzug von Steuern und Sozialbeiträgen, inklusive aller Transferzahlungen wie bspw. Kinder- oder Arbeitslosengeld. Außerdem werden Veränderungen in den Haushaltsgrößen und Haushaltszusammensetzungen berücksichtigt. Inhaltlich gilt ein Haushalt als arm bzw. reich, wenn er innerhalb von fünf Jahren durchgehend ein verfügbares Einkommen unterhalb der Armuts- bzw. oberhalb der Reichtumsgrenze  hat. Dagegen bewertet die Bundesregierung dies jeweils an einem zwei- bzw. dreijährigen Zeitraum. (S. 4). Da (finanzielle) Armut relativ ist, wurde sich seitens von Wissenschaft und Politik darauf geeinigt, dass die Armutsgrenze bei 60 % des Medianeinkommens liegt. Für 2015 lag die Armutsgrenze für einen Einpersonenhaushalt deshalb bei einem verfügbaren Jahreseinkommen von 12.000 Euro.

Die Ergebnisse des Verteilungsberichts gleichen sich seit Jahren, und die gezeichnete Entwicklung lässt Fragen zum Zusammenhalt der Gesellschaft aufkommen. So heißt es eingangs: „Die Realität der 2010er Jahre ist: Die deutsche Gesellschaft polarisiert sich zunehmend. Nicht nur die Einkommensschere wird größer (Grabka/Goebel 2018; Tiefensee/Spannagel 2018), auch die Lebenswelten von Armen, Mittelschicht und Reichen fallen immer mehr auseinander. Arme und Reiche konzentrieren sich zunehmend in sozial segregierten Stadtvierteln und schicken ihre Kinder auf entsprechende Schulen. Als eine Folge, und das ist der Ausgangspunkt des diesjährigen WSI-Verteilungsberichts, sinkt die soziale Durchlässigkeit der Gesellschaft.“ (S. 2). Leider hat sich Armut in den letzten Jahrzehnten verfestigt und die Chance, diese (aus eigener Kraft) zu überwinden, verkleinert. Die Untersuchung stellt deshalb die Frage, ob intergenerationelle Aufstiege noch möglich sind, also Armut durch Bildungsaufstiege überhaupt noch überwunden werden kann, denn faktisch verfestigt sich diese: „Es kommt zu materiellen Mangellagen, der sogenannten materiellen Deprivation, welche die soziale Inklusion der Betroffenen weiter gefährden kann – und damit auch den sozialen Kitt einer Gesellschaft brüchig werden lassen kann.“ (S. 3).

Von 1991 bis 2015 stieg der Anteil der Personen, die von Einkommensarmut betroffen waren von 11,19 % auf 16,79 % an. Im gleichen Zeitraum nahm der Personenkreis, der relativ reich war, von 5,59 auf 7,46 % zu. In absoluten Zahlen bedeutet dies: „Zwischen 2011 und 2015 müssen fast zwei Millionen Menschen in Deutschland dauerhaft mit weniger als der Hälfte dessen auskommen, was der Gesellschaft im Mittel an Einkommen zur Verfügung steht.“ (S. 6). Sowohl in West- wie in Ostdeutschland stieg der Anteil derjenigen an, die jeweils dauerhaft von Armut bzw. Reichtum betroffen waren, wobei der Westen mit 5,46 bzw. 3,42 % (arm/reich) vom Osten abweicht (6,38 / 2,13 %). In Ostdeutschland sind Menschen vermehrter von Armut betroffen und deutlich weniger dauerhaft reich als im Westen.

Ein Zwischenfazit lautet: „Menschen im Osten haben deutlich geringere Chancen, sich gehobene materielle Lagen zu sichern.“ Außerdem „schützt“ Bildung potentiell davor, dauerhaft arm zu werden. Dementsprechend verwundert es nicht, dass die Vollzeiterwerbstätigkeit eine Grundlage für dauerhaften Reichtum darstellt (wobei anzumerken ist, dass das SOEP Reichtum nur bedingt erfassen kann; Stichwort ist hier: ohne Vermögenssteuer fehlt ein Indikator für die tatsächliche Reichtumsverteilung in der Bundesrepublik). Und wie schon häufiger in Studien belegt, sind Alleinverdienerhaushalte stark von dauerhafter Armut betroffen. Und da Alleinerziehende zumeist Frauen sind, ist Armut auch ein Geschlechterthema, auch wenn der Anteil der Frauen insgesamt keine zehn Prozentpunkte über dem der Männer liegt. Umgekehrt ist dauerhafter Reichtum dagegen eindeutig männlich (3/4 Männer, 1/4 Frauen).

Der Verteilungsbericht endet mit der Beschreibung von Handlungsfeldern, die die relative Armuts-/Reichtumsschere verringern helfen sollen: Die Verringerung der Lohnungleichheiten zwischen Ost- und Westdeutschland, der Abbau von Bildungsungleichheiten, der Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit und die Förderung von Mehrverdienerhaushalten.

Um zu verhindern, dass sich die Spaltung der Gesellschaft durch die Entwicklung von Gated communitys der dauerhaft Reichen weiter vertieft, schlagen die Autorinnen vor: „Das Zauberwort hier heißt soziale Durchmischung im Alltag. Das fängt bei sozial gemischten Wohnquartieren an, geht über sozial durchmischte Bildungsinstitutionen weiter und hört bei gemeinsamen Freizeitaktivitäten (etwa im Sportverein) noch lange nicht auf.“ (S. 12). Anders ausgedrückt: Begegnungen ermöglichen, um soziale Distanz und Isolation in geistigen Milieu-Blasen zu vermeiden. Sei zu hoffen, dass solche Entwicklungen befördert werden können und zukünftig die derzeitige Spaltung der Gesellschaft zurückgehen wird.

Frank Omland
Öffentlichkeitsarbeit
KISS Hamburg

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