Selbsthilfe stärkt die Seele

Das Selbsthilfe-Büro in Niedersachsen hat unter dem Titel "Selbsthilfe stärkt die Seele" ein Projekt dokumentiert, das sich mit der Unterstützung von Menschen mit psychischen Erkrankungen und Problemen befasst. Auf 104 Seiten wird eingangs der Verlauf des dreijährigen Projekts geschildert, dass in der ersten Phase eine landesweite Veranstaltungsreihe im Flächenland Niedersachsen, ein Theaterstück zum Thema Depression, die Erstellung einer Referentendatenbank und die Dokumentation der Arbeitsergebnisse umfasste und mit einem Kongress unter dem Titel „Selbsthilfe stärkt die Seele“ endete.

Die Veranstaltungsreihe wurde in enger Kooperation mit Gruppen und Verbänden der Selbsthilfe konzipiert, und die Arbeitshilfe dokumentiert in drei Abschnitten die Positionen der drei Referenten, die Workshops zu ihren Themen gegeben haben. Während Dr. Thorsten Sueße, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Erläuterungen zu den Krankheitsbildern, der Behandlung und dem angemessenen Umgang mit den Betroffenen in den Mittelpunkt stellte, schilderte einer der langjährigsten Selbsthilfe-Unterstützer, der Psychologe Jürgen Matzat aus der Selbsthilfekontaktstelle in Gießen, das dortige praktische Vorgehen. Von ihm werden auch fachliche Hinweise und Vorschläge im Umgang mit psychisch kranken Ratsuchenden gegeben, die durchaus Diskutierens wert sind und mit Sicherheit in dieser Form nicht in jeder Selbsthilfekontaktstelle durchgeführt werden, insbesondere was die Ausführungen zur Intensität und Tiefe des Erstgesprächs angeht (S. 42f).

Es folgt ein dritter Teil in dem Götz Liefert aus seiner großen Erfahrung in der Selbsthilfe-Unterstützung „Kreative Methoden in der Selbsthilfe mit psychisch Erkrankten“ zum Thema macht. Nach einer kurzen Einführung zu TZI, wird auf das erste Gruppentreffen eingegangen, die Prozesse in Gruppen dargestellt und immer wieder konkrete Praxisbeispiele erläutert. Ein reichhaltiger, interessanter und sehr umfangreicher Methodenkoffer (16 Seiten) schließt den Aufsatz ab. Im Anschluss werden die Ergebnisse des Kongresses mit seinen sechs Workshops dargestellt. Ziel war es auch hier handlungsorientierte Hilfestellungen für die Gruppen mit psychisch Erkrankten zu geben, wobei sich das meiste (Ausnahme: Umgang im Arbeitsleben) auf fast jede Gruppe übertragen ließe, sei es die Workshops zum Thema „Alltag bewältigen“, zu Veränderungen in der lebendigen Selbsthilfegruppe oder unter dem Stichwort „Bewusstes Leben“ zu Achtsamkeit oder Kreativangeboten.

Kritisch angemerkt werden soll, dass Genderaspekte in der Dokumentation in der Reflektion für die Selbsthilfeunterstützungsarbeit bzw. die Arbeit in den Gruppen wenig bis gar nicht berücksichtigt wurden. So spielen geschlechterspezifische Fragestellungen nur bei den Krankheitsbildern eine kleine Rolle, während die Auswirkungen für die Gruppen in der Praxis – zumindest in der Dokumentation – nicht thematisiert werden. Da – gerade im ländlichen Raum – die Selbsthilfe-Unterstützung fast ausschließlich von Frauen geleistet wird, wäre zumindest die Rollenfrage im Umgang mit dem Thema zu hinterfragen gewesen. Dasselbe gilt beim Suchtthema (sehr stark männerdominiert) und bei der Ausdifferenzierung der psychischen Erkrankungen (in der Regel etwas mehr Frauen als Männer in den Gruppen) und der Frage nach den Auswirkungen in den Gruppen bzw. den Konsequenzen für die Unterstützung.

Nichtsdestotrotz sei die Broschüre empfohlen, regt sie doch zum Hinterfragen der eigenen Positionen an und der Methodenkoffer hält für die eine oder andere Gruppe noch hilfreiche Ideen und Anregungen bereit.

Frank Omland
Öffentlichkeitsarbeit

 

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