Neue Gesundheitsstudie zu Kindern und Jugendlichen

Das Amt für Gesundheit hat für Hamburg einen neuen Bericht zur psychosozialen Gesundheit vorgelegt. Reflektiert wird die Situation im Frühsommer 2020 und deren Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen in Hamburg. Auf 56 Seiten folgt der Bericht einem Schema, das sich in der Gesundheitsberichterstattung bewährt hat: Nach einem Kurzüberblick über die zentralen Ergebnisse (S. 9-10) und einer Beschreibung der Stichprobe der Erhebung (1.037 Fälle, davon 52 % Jungen, 48 % Mädchen) folgen sechs thematische Abschnitte, dann eine weitere Teilgruppenauswertung sowie die obligatorische Schlussbetrachtung. Aufgrund des Zeitpunktes der Befragung kommt das Amt für Gesundheit schon in der Einleitung zu dem Schluss: „Eine abschließende Bewertung kann erst erfolgen, wenn nach der Corona-Krise Kinder und Jugendliche erneut befragt werden.“ (S. 8). Nichtsdestotrotz geben diese Zwischenergebnisse einen Einblick in die Situation der jungen Menschen, die sich mit Sicherheit auch mit den eigenen Erfahrungen in den Familien decken wird. Je nach Sichtweise kann sich auf die positive Grundgesamtheit bezogen werden oder im Detail die Belastungen der Mädchen und Jungs genauer betrachtet werden. Letztere sind ein Hinweis auf mögliche Veränderungsbedarfe bzw. mögliche Hilfestellungen, die noch zu geben sind. So schätzten bspw. Mädchen ihren eigenen Gesundheitszustand mit 8 % als weniger gut bzw. schlecht ein, Jungen dagegen nur zu 5 % (S. 14), und 20 % der Befragten nannten drei oder mehr psychosomatische Beschwerden wie etwa Gereiztheit (74 %), Einschlafprobleme (63 %) oder auch Kopfschmerzen (52 %). Als tägliche Beschwerden wurden am häufigsten die Einschlafprobleme genannt. Dabei schnitt Hamburg im Vergleich zu einer bundesweiten Studie deutlich schlechter ab (S. 15). Das schlägt sich auch im Vergleich der Lebensqualität nieder, wo in Hamburg 26 % von einer geminderten Lebensqualität berichten, während es bundesweit nur 15 % sind (S. 16). Das wirft die Frage auf, ob die Politik hier durch ihre Maßnahmen Kinder und Jugendliche zusätzlich stärker belastet hat. Bedauerlicherweise wagt es der Bericht aber nicht, sich zu sehr aus dem Fenster zu lehnen, denn gerade der Unterschied zu den bundesweiten Ergebnissen wird in den Zwischenfazits nicht aufgegriffen.

Im schulischen Bereich zeigt sich, dass eine niedrigere/mittlere Bildungskategorie, Migrationsstatus und der Familienstatus alleinerziehend „anscheinend weniger Einfluss darauf [haben], wie die Kinder und Jugendlichen sich selbst bei der Bewältigung der schulischen Herausforderungen in der Corona-Zeit einschätzen.“ (S. 21).

Die Antworten zum Komplex „Familie und Freundschaften“ zeigen auf, dass ein Viertel eine Verschlechterung der Stimmung wahrgenommen hat und ein Drittel mehr Streit in der Familie erlebte. 80 % (!) hatten zwar weniger Freundeskontakte (83 % bei den Mädchen, 77 % bei den Jungen), doch gaben zwei Drittel an, dass sich die Qualität der Kontakte nicht verschlechtert habe. (S. 23). Natürlich fragte das Amt für Gesundheit auch die klassischen Verhaltens-Parameter wie Ernährung (Anstieg der gemeinsamen Mahlzeiten!), Bewegung (Mangel bei einem Viertel der Befragten) und Freizeit (die Hälfte auch außerhalb der Wohnung aufgehalten) sowie Digitale Medien (Anstieg der Nutzung zum eigenen Spaß) ab.

Die psychosoziale Situation ergab deutliche Belastungen, wobei 67 % der Mädchen und 53 % der Jungen die Pandemie-Zeit als etwas bis äußerst belastend empfanden (S. 31). 22 % der Mädchen und 13 % der Jungen zeigten Anzeichen für depressive Symptomatik und sogar 38 % der Mädchen und 15 % der Jungen Symptome einer generalisierten Angststörung (S. 32). Bei den hilfreichen Ressourcen wird deutlich, dass insbesondere Kinder von Alleinerziehenden häufiger Defizite aufwiesen. Zentral war für alle die Hilfe von Freunden und der Familie (Mädchen / Jungen: 66 % / 50 %, S. 36). In einer Ausdifferenzierung nach Teilgruppen heißt es: „Die belastete Gruppe entspricht allen anderen in der Alterszusammensetzung, in der Häufigkeit von Migrationsstatus und der Tatsache, dass ein Elternteil alleinerziehend ist. In der belasteten Gruppe finden sich allerdings deutlich mehr Mädchen (59 % zu 41 %) und tendenziell auch mehr Befragte aus der niedrigen/mittleren Bildungskategorie (56 % zu 44 %).“ (S. 38). Hier stellt sich also die Gender-Frage in den Lebensumständen und was Gesundheitspolitik in der Pandemie daran verändern kann. Dementsprechend finden sich in den Schlussfolgerungen u.a. auch Vorschläge zu niedrigschwelligen Angeboten für Familien und bewussten Angeboten für junge Mädchen und Frauen (S. 42-49). Der Bericht schließt mit einem methodischen Teil zur Erhebung und Auswertung sowie einem umfangreichen Quellen- und Literaturverzeichnis. Dort finden sich die bis dato erfolgten Studien und Forschungen zur Gesundheit in der Pandemie wieder, sodass hier bei Bedarf auch selbst vertiefend weitergelesen werden kann.

Frank Omland
Öffentlichkeitsarbeit


P.S.
Passend zur obigen Fragestellung ist aktuell gerade eine Studie beendet worden, die sich mit Post-COVID-Folgen befasst. Die Peer-Review und Evaluation der Ergebnisse steht noch aus. Wer gut Englisch kann, schaut sich die zusammengefassten Ergebnissen an:
Studientitel: Post COVID-19 in children, adolescents, and adults: results of a matched cohort study including more than 150,000 individuals with COVID-19

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