Parallel zum Start unseres Projekts „Digitale Kompetenz in der Selbsthilfe“ wurde mit ChatGPT (Open AI, November 2022) der erste generative Chatbot mit künstlicher Intelligenz (KI) veröffentlicht. Heute finden sich KI-Werkzeuge in fast allen digitalen Anwendungen und sind aus der Arbeitswelt kaum noch wegzudenken. Gleichzeitig entwickeln sich die verschiedenen Large Language Modelle (LLMs) mit rasanter Geschwindigkeit weiter und werden immer tiefer in unseren Alltag integriert. Doch was heißt das für die ehrenamtliche Arbeit und insbesondere die gemeinschaftliche Selbsthilfe?
Chancen
Der Austausch mit Selbsthilfeaktiven in unseren Workshops und Veranstaltungen hat gezeigt, dass vor allem für Menschen mit Beeinträchtigungen und im Bereich der seltenen Erkrankungen der Einsatz von KI viele Vorteile bringt. So erhalten Betroffene mit Schreib- und Leseschwächen durch den Einsatz von KI ganz neue Möglichkeiten der Kommunikation und Betroffene mit seltenen Erkrankungen profitieren vom weltweiten Wissen in Medizin und Forschung. Darüber hinaus unterstützen KI-Werkzeuge die Bild- und Textproduktion für Informationsmaterialien, Newsletter und Social-Media. Protokolle und komplexe Texte können zusammengefasst und in einfache Sprache oder Fremdsprachen übersetzt, Projektideen entwickelt und Förderanträge formuliert werden. Zudem können für bestimmte, sich wiederholende Aufgaben KI-Assistenten erstellt werden, die die ehrenamtliche Arbeit zusätzlich erleichtern.
Risiken
Mit dem Einzug von KI in unseren Alltag ergeben sich jedoch neue Barrieren und Fallstricke. Diese liegen zum einen im mangelnden Wissen über Struktur und Aufbau von KI-Modellen, zum anderen in der Verfügbarkeit von Ressourcen, um die Möglichkeiten auch umfassend nutzen zu können.
KI-Sprachmodelle erzeugen Antworten aufgrund von Wahrscheinlichkeiten und nicht von Wahrheiten. Dies führt oft zu „Halluzinationen“, d.h. zu falschen Antworten (vgl. hierzu den Blogbeitrag vom Fraunhofer-Institut IESE sowie den Beitrag von Dennis Küster und Tanja Schultz im Bundesgesundheitsblatt). In unseren Workshops zeigte sich hingegen, dass viele Nutzer*innen KI-Chatbots als intelligente Suchmaschinen verstehen, die Fakten zusammenfassen. Diese Einschätzung wird sicher auch dadurch verstärkt, dass KI-Chatbots zur Selbstüberschätzung tendieren (siehe Spiegel-Artikel vom 22.07.2025 bzw. die englischsprachige Studie von Trend N. Cash u.a.). Im Kontext von psychischer Gesundheit zeigt sich zudem, dass ChatGPT-Antworten von vielen Menschen als einfühlsamer und hilfreicher wahrgenommen werden als Antworten von Therapeutinnen und Therapeuten. Darüber hinaus befürchten Betroffene, dass bestehende Vorurteile und Stigmatisierungen in den KI-Modellen verfestigt werden.
Eine weitere Herausforderung liegt im Umgang mit KI-Anwendungen, die außerhalb der Europäischen Union entwickelt wurden. Insbesondere bei kostenlosen KI-Anwendungen ist darauf zu achten, dass bei der Nutzung keine sensiblen personen- und gesundheitsbezogenen Daten preisgegeben werden. DSGVO, also datenschutzkonforme ALL-in-One KI-Plattformen hingegen sind kostenpflichtig und das Hosting eigener KI-Modelle mit OpenSource-Lösungen technisch herausfordernd. Eine ausführliche Roadmap findet sich in den „Leitlinien für die Nutzung von KI in Vereinen“ von Julia Junge, die in Zusammenarbeit mit dem Paritätischen Gesamtverband entstanden sind.
Chancen nutzen, Risiken minimieren
KI bietet der gemeinschaftlichen Selbsthilfe enorme Potentiale zur Verbesserung ihrer Arbeit. Von der Inklusion über die Kommunikation bis hin zum Wissensmanagement können KI-Anwendungen die ehrenamtliche Arbeit erheblich erleichtern. Gleichzeitig dürfen die Herausforderungen nicht unterschätzt werden. Halluzinationen, Datenschutz und ethische Fragen erfordern einen bewussten und verantwortungsvollen Umgang mit KI-Technologien. Der Schlüssel liegt darin KI als „Werkzeug“ zur Unterstützung zu verstehen und rechtzeitig die notwendigen digitale Kompetenzen aufzubauen, damit KI verantwortungsvoll und durchdacht für die Selbsthilfe genutzt werden kann.
Künstliche Intelligenz ist längst kein abstraktes Zukunftsthema mehr, sondern hält rasanten Einzug in viele Bereiche des sozialen Engagements – auch in der gemeinschaftlichen Selbsthilfe. Die Selbsthilfe kann und sollte die Entwicklung aktiv mitgestalten, damit die reale menschliche Begegnung das Herzstück der Selbsthilfe bleibt.
Anke Heß,
Projekt Digitale Kompetenz in der Selbsthilfe
P.S.:
Den Termin für die Abschlussveranstaltung des Projekts "Digitale Kompetenz in der Selbsthilfe" geben wir noch rechtzeitig auf unseren Kanälen bekannt.