Gesundheitsberichte der Krankenkassen 2021

Die beiden größten gesetzlichen Krankenkassen in Hamburg sind der Verband der Ersatzkassen (VdEK) und die AOK Rheinland / Hamburg. Beide haben für 2021 einen Bericht zur gesundheitlichen Lage ihrer Mitglieder bzw. ihrer Regionen vorgelegt und sind dabei durchaus unterschiedlich vorgegangen. So stellt der VdEK seit mehreren Jahren unter dem Titel „Ausgewählte Basisdaten des Gesundheitswesens in Hamburg 2021“ Informationen zur Verfügung, die geradezu zum Vergleich mit den Analysen der Gesundheitsbehörde bzw. dem heutigen Amt für Gesundheit in der Sozialbehörde einladen [LINK zum anderen Artikel]. Auf 83 Seiten werden Informationen zur Bevölkerung, der Verteilung der Mitglieder der Krankenkassen, der ambulanten und stationären Versorgung, zu Geburten und zur Pflegesituation gegeben. In einem Unterpunkt wird zudem die „Förderung der Selbsthilfe“, d.h. die Verteilung der Kassenmittel auf die Selbsthilfekontaktstellen, die Selbsthilfeorganisationen und die Selbsthilfegruppen dargestellt (S. 34).

Für Hamburg wird aufgrund der Zuwanderung von jüngeren Menschen nicht nur das relativ jüngste Durchschnittsalter im Vergleich der Bundesländer (42,1 Jahre, BR Deutschland: 44,5 Jahre) konstatiert, sondern auch eine weitere Bevölkerungszunahme bis 2060 prognostiziert. (S. 7). Zudem hat Hamburg je 1.000 Einwohner*innen die höchste Anzahl an Beschäftigten im Gesundheitswesen (S. 9) und deutlich über dem bundesweiten Trend immer höhere Gesundheitsausgaben (S. 14). Nach dem Bundesland Bremen ist die Arztdichte in Hamburg mit 2,96 pro 1.000 Einwohner*innen am höchsten (S. 18). Auch bei den Ausgaben für die Heilmittel (S. 36) und die Arzneimittel (S. 30) liegt Hamburg weit über dem Durchschnitt: „Auffällig ist, dass die Ärzte in der Hansestadt im Schnitt so teure Verordnungen ausstellen wie sonst nirgendwo in Deutschland.“ (S. 31).

Zudem konstatiert der Bericht aus Sicht der Gesetzlichen Krankenversicherung eine ärztliche und psychotherapeutische Überversorgung in Hamburg: „Überversorgung bedeutet, dass der Versorgungsgrad größer als 110 Prozent ist und Leistungen damit über den Bedarf erbracht werden. Für einen konsequenten Abbau von Überversorgung soll das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz sorgen.“ (S. 19). Selbst der Anteil der Hausärzteschaft müsste danach herabgesenkt werden und am extremsten würde dies die psychotherapeutische Versorgung treffen, die mit 161,9 % und 975 Arztsitzen um ein Drittel (!) heruntergefahren werden müsste (S. 20). Auch bei allen anderen Facharztgruppen wäre das der Fall. Interessanterweise deckt sich das weder mit eigenen Alltagserlebnissen von mir, was konkrete Termine bei Ärzt*innen angeht noch mit den Rückmeldungen am Selbsthilfe-Telefon, wo immer wieder auf das Problem hingewiesen wird, keine psychotherapeutischen Behandlungstermine erhalten zu können! Politisch gewünschte Kürzungen und lebensweltliche Bedürfnisse klaffen hier weit auseinander.

Da die Selbsthilfe lediglich bei der finanziellen Förderung pauschal einbezogen wird, können die Verbände und Gruppen lediglich bei den dargestellten Häufigkeiten von Diagnosen von Erkrankungen (S. 26) einen Eindruck davon gewinnen, wie viele Betroffene es potenziell in Hamburg gibt. Für die Rheumaliga dürfte die Statistik zu den Rheumatherapien (S. 27) von Interesse sein. Zu Corona und seinen Folgen wird kurz bezogen auf die Krankenhauskosten eingegangen (S. 48). Zum Thema Pflege wird in einem eigenen Kapitel deutlich, dass hier weiterhin die Angehörigen die Hauptlast tragen. Knapp ein Fünftel der zu Pflegenden sind vollstationär untergebracht, knapp die Hälfte leben zu Hause und werden durch Angehörige gepflegt und weitere 30 % durch Angehörige, die von einem ambulanten Pflegedienst unterstützt werden (S. 67). Aufgrund der Zuzüge von jüngeren Menschen liegt Hamburg bei der formalen Pflegequote, also dem „Anteil von Pflegebedürftigen an der Bevölkerung“ mit 4,2 % weit unter dem Bundesdurchschnitt (5,0 %, S. 76). Doch natürlich steigen auch in Hamburg die Kosten für die Pflege (S. 81) und der Bericht stellt an verschiedenen Abschnitten die Frage nach dem Fachkräftemangel in der Pflege.

Die AOK Rheinland/Hamburg geht in ihrem „Gesundheitsreport. Fakten zur regionalen Gesundheits- und Versorgungssituation der Bürgerinnen und Bürger im Rheinland und in Hamburg 2021.“ anders vor als der VdEK. Auf 148 Seiten stellt sie zuerst ihre Kernaussagen vor, gibt also eine Zusammenfassung des Reports. Es folgen Kapitel zur Corona-Pandemie, zur Lebenserwartung, der Kinder- und Jugendgesundheit, der Gesundheitsförderung und Früherkennung, Krankheitsprävalenzen, zur Versorgung, den Arzneimitteln, der Arbeitsunfähigkeit sowie zur Pflege. In einem Schwerpunkt geht sie außerdem auf chronische Schmerzen ein. Selbsthilfe wird in keinem Kapitel erwähnt. Aufgrund der regionalen Aufteilung werden sowohl die Daten für das Rheinland als auch für Hamburg jeweils in einer kartografischen und statistischen Übersicht dargestellt. Je nach Thema wird als Referenz auf die Daten zu NRW oder zu den Gesamtmitgliedern in Rheinland/Hamburg Bezug genommen. Hilfreich wäre es gewesen, wenn Hamburg dabei mit einer eigenen Schriftfarbe hervorgehoben worden wäre, da man faktisch nicht immer schnell erfassen kann, welche Werte für die Hansestadt gelten. In einem Begleittext wird entweder auf Kernfragen eingegangen („Was sagt die Lebenserwartung aus?“) oder die Grundlagen, woher die Daten stammen, erklärt. Damit ist quasi jede Themenseite für sich nutzbar und gut zu verstehen. Den größten Umfang nehmen dabei die Darstellungen der einzelnen Krankheiten ein. Bei einigen Themen wird nach biologischen Geschlechtern differenziert (u.a. Check-Up – Untersuchungen, Früherkennung Krebs), bei anderen Themen, die von Interesse wären, hingegen nicht (u.a. Rauchen, Darmspiegelung, Schwerpunkt: chronische Schmerzen). Gerade bei Erkrankungen wie Diabetes oder auch Adipositas wäre eine Gegenüberstellung hilfreich gewesen, auch um zu reflektieren, was präventiv und in der Behandlung ggf. der unterschiedlichen Geschlechter zu bedenken wäre (S. 60f., S. 64). Dass Armut ein Gesundheitsrisiko ist, greift der Report nur einmal beim Thema Chronische Erkrankungen von ALG II – Empfängern auf (S. 68) und die psychischen Erkrankungen werden eher am Rande (Psychopharmaka – Antidepressiva, Arbeitsunfähigkeit aufgrund von psychischen Erkrankungen) gestreift (S. 119, S. 125). Die Kapitel zu Pflege oder auch zu den stationären Versorgungsangeboten laden natürlich zum Vergleich mit den Darlegungen des VdEK ein (S. 73ff, S. 135ff).

Sowohl der Report der AOK Rheinland / Hamburg wie auch die Datenanalyse des VdEK sind hilfreich für diejenigen, die sich mit der Situation des Gesundheitswesens und der Lage für die Patient*innen in Hamburg befassen wollen. Welche Schlüsse dabei in Bezug auf das Gesundheitswesen und die Prävention gezogen werden sollten, ist aber die zentrale Frage, die je nach Betrachtenden anders ausfallen wird.

Frank Omland
Öffentlichkeitsarbeit

 

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