Empirische Sozialforschung über die ELAS-Suchtselbsthilfe

Im Rahmen eines Methodenkurses haben fünf Studierende des Fachbereichs Sozialwissenschaften die Aktiven in der ELAS unter die Lupe genommen. Ziel war es herauszufinden, wie diese zur Digitalisierung in der Selbsthilfe stehen. Eine kurze Zusammenfassung zu den Ergebnissen konnte schon in der Selbsthilfezeitung 163 abgedruckt werden. (LINK) An dieser Stelle sollen tiefergehende Informationen geliefert werden, um die kleine Studie besser einordnen zu können.

In der ELAS-Suchtselbsthilfe engagieren sich knapp 100 ehrenamtlich Aktive, die 50 Selbsthilfegruppen moderieren. 2021 wurden neue digitale Angebote entwickelt, doch werden diese nur von wenigen Menschen genutzt. Den Studierenden ging es darum, „Erkenntnisse über die beeinflussenden Faktoren zu erlangen, welche sich auf die Teilnahme an den digitalen Suchtselbsthilfegruppen auswirken und so die niedrige Beteiligung an den Angeboten durch die Zielgruppe der Suchterkrankten oder deren Angehörige potenziell erklärbar machen können.“ Oder anders ausgedrückt: „Aufgrund welcher Hemmnisse kommt es bei den digitalen Suchtselbsthilfeangeboten der ELAS- Suchtselbsthilfe während der Corona- Pandemie zu der relativ geringen Teilnahme durch die Adressat*innen?“*
Zuerst wurden dafür aus dem Stegreif intuitive Theorien über die Gründe der Nicht-Teilnahme aufgestellt und mit vorhandenen empirischen Erkenntnissen abgeglichen. Als nächstes wurde ein Fragebogen erstellt, der durch möglichst präzise Abfragen eine empirische Überprüfung ermöglichen sollte. Das Ziel der Studie formulierten die Studierenden so: „Ziel unserer Forschungsarbeit ist es daher, den Leitern der ELAS nach wissenschaftlichen Standards gewonnene Erkenntnisse über jene Aspekte, welche die Teilnahmebereitschaft der Zielgruppe beeinflussen, zur Verfügung zu stellen. Die erarbeiteten Schlüsse über Beweggründe und Hemmschwellen der potenziell Teilnehmenden können als Grundlage dienen, um die digitalen Angebote noch weiter an die Bedürfnisse der angesprochenen Personen auszurichten und somit eine höhere Partizipation zu realisieren.“

Eine anonyme schriftliche Online-Befragung richtete sich an 500 Personen aus den ELAS-Gruppen und umfasste Fragen nach den Angeboten der ELAS, der digitalen Ausstattung, der Akzeptanz des Digitalen bzw. der eigenen Kompetenzeinschätzung, zu Datenschutz / Vertraulichkeit, dem eigenen Arbeitsalltag (Stichwort: Bildschirmzeit), dem Bruch der Routine durch digitale Angebote und der eigenen Haltung zu Selbsthilfeangeboten im digitalen Raum.

Der Fragebogen wurde vom 25.8.2021 bis 15.9.2021 erhoben und basierte auf einem Pretest, der auf positive Resonanz von sieben ausgewählten ELAS-Moderator*innen gestoßen war. Es gab leider nur 51 Rücksendungen, davon waren lediglich 24 vollständig ausgefüllt. Die Studie bezog deshalb bewusst auch unvollständige Fragebögen ein, wenn dort jeweils einzelne Antworten gegeben worden waren. Danach nahmen 76,2 % (n=21) der Antwortenden vor der Pandemie regelmäßig an den wöchentlichen Angeboten teil, nur 6,7 % (von n=30) hatten noch nichts von den virtuellen Angeboten gehört und 25,5 % (n=28) hatten an digitalen Treffen teilgenommen.

Die im Theorieteil aufgestellte Hypothese lautete, dass die Teilnahmewahrscheinlichkeit für digitale Angebote wie Online-Selbsthilfegruppen umso geringer ausfällt, je älter eine angesprochene Zielgruppe an Personen ist. Die Annahme stützte sich auf Ergebnisse empirischer Studien, die auf geringere Vertrautheit, Akzeptanz und Kompetenz älterer Menschen hinsichtlich der Nutzung digitaler Medien hinweisen. Da die Mitglieder der ELAS-Gruppen nach Aussage der Verantwortlichen ganz überwiegend mittleren und höheren Alterskohorten angehören, bestand die Vermutung, dass sich die genannten Faktoren bei ihnen negativ auf die Teilnahmebereitschaft auswirken.1

Die Frage, ob das Alter eine Hemmschwelle für die Nutzung digitaler Technik darstellt, weil Studien konstatieren, dass ältere Menschen eine geringere Vertrautheit, Akzeptanz und Kompetenz hinsichtlich der Nutzung digitaler Medien aufwiesen, wurde differenziert beantwortet: „Die alltägliche Nutzung bei einem Großteil der [durchschnittlich 45+ älteren] Umfrageteilnehmer*innen lässt eine grundsätzliche Vertrautheit mit digitalen Medien vermuten.“ Doch gleichzeitig ist zu konstatieren, dass diejenigen, die „lediglich mittelmäßig ausgeprägte bejahende Haltung zu moderner Technik und Nutzungsbereitschaft digitaler Technik“ aufwiesen, seltener an den digitalen Angeboten teilnehmen. Dies schlägt sich auch in der Hemmschwelle Datenschutz nieder, denn 45 % (n=20) haben Sorgen vor Aufzeichnung und Missbrauch der Videokonferenz-Treffen: „Zusammenfassend zeigt die Analyse, dass Datenschutzbedenken bei einem relevanten Teil der Befragten ausgeprägt sind. Isoliert stellen sie für die ganz überwiegende Mehrheit allerdings keinen Grund zur Nicht-Teilnahme dar. Dennoch lassen die Ergebnisse die Annahme zu, dass Sorgen bezüglich des Schutzes persönlicher Daten innerhalb einer multikausalen Erklärung Teil der Faktoren sind, welche die Teilnahmebereitschaft hemmen.“ Dagegen spielt die vermehrte Nutzung von digitalen Anwendungen, insbesondere in beruflichen Zusammenhängen, bei der Frage, ob diese dann auch privat eher abgelehnt oder befürwortet werden, keine Rolle.

Ein wichtiger Aspekt für den Nicht-Besuch von Online-Gruppen stellt der „Bruch der Routine“ dar. Während schon der wortwörtliche Gang zur Gruppe eine innere Vorbereitung, ein Sich-Einstellen auf die Selbsthilfegruppe mit sich bringen kann, fällt dies bei Online-Gruppe innerlich weg. Aus den Antworten geht hervor, „dass ein Drittel der Befragten den Wechsel von einer Selbsthilfegruppe in Präsenz zu einer digitalen Selbsthilfegruppe als das Aufsuchen einer neuen Selbsthilfegruppe empfinden, wodurch die große Herausforderung der digitalen Angebote verdeutlicht werden.“ Die Teilnahme an einem virtuellen Gruppentreffen stellt also eine größere Herausforderung dar als der Besuch eines Präsens-Gruppentreffens. Zum Hintergrund stellten die Studierenden fest: „Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass viele Probant*innen feststellen, dass es Veränderungen in Bezug auf die Solidarität, Atmosphäre, Dynamik und Anforderungen innerhalb der Gruppentreffen in digitaler Form gibt. Diese Veränderungen werden tendenziell negativ wahrgenommen. Insbesondere was die Gruppenatmosphäre und die Gruppendynamik betrifft, verdeutlichen die Befragten durch ihr Abstimmungsverhalten deutlich, dass die digitale Form der Selbsthilfeangebote hier schlechter funktioniert.“ Die Veränderungen, die durch die Verlegung eines Gruppentreffens in den virtuellen Raum stattfinden, „werden von den betroffenen Personen (Suchterkrankte und ihre Angehörigen) größtenteils negativ wahrgenommen.“
„Abschließend stellen wir fest, dass insgesamt, vor allem in Anbetracht der Stichprobegröße, keine endgültigen sowie allgemeingültigen Aussagen über hauptursächliche Hemmungen für die Teilnahme an digitalen Angeboten der Suchtselbsthilfe der ELAS zu treffen sind.“

Die kleine Studie über die Nutzung von digitalen Angeboten der ELAS ist also nicht repräsentativ, doch kann sie Hinweise dazu geben, welche Fragestellungen für die Suchtselbsthilfe und die Selbsthilfe allgemein hilfreich sein könnten, wenn es um die tatsächliche Nutzung virtueller Gruppenangebote geht.

KISS Hamburg würde sich freuen, wenn es hierzu weitere Rückmeldungen aus dem Selbsthilfeverbänden und -gruppen gibt. Das Thema wird uns auf jeden Fall noch beschäftigen.

Frank Omland
Öffentlichkeitsarbeit

(Alle Zitate stammen aus dem unveröffentlichten Projektbericht für die ELAS. Dieser wurde uns dankenswerterweise von der ELAS-Projektleitung zur Verfügung gestellt).

 

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