Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA)

Im vergangenen Herbst hat sich das Ärztekammerforum unter dem Titel: „Digitale Kommunikation und Apps aus der Sicht von Patient*innen, Selbsthilfe, Psychotherapeut*innen und Ärzt*innen“ mit digitalen Gesundheitsanwendungen beschäftigt. Dabei überwogen auf dem Forum die kritischen Stimmen, gerade was die Kosten und den medizinischen Nutzen der DiGA angeht. Zusammenfassend hieß es in einem Bericht zum Ärztekammerforum: „Ein erster Schritt wäre, so die vorherrschende Meinung, DiGA nur über eine psychotherapeutische oder ärztliche Verordnung abzugeben und nicht über die Krankenkassen. Zudem müssten die DiGA barrierefreier werden, die Kosten in einem vernünftigen Verhältnis stehen und der jeweilige Nutzen unabhängig evaluiert werden.“

Passend dazu hat die Stiftung Gesundheit eine Online-Befragung von ambulant tätigen Ärzt*innen und Psycholo*innen durchgeführt, um eine Rückmeldung zu den DiGA aus der Praxis zu erhalten. DiGA, also bestimmte Gesundheits-Apps, werden jeweils durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte geprüft und können nach der Zulassung verschrieben werden. Die Stiftung Gesundheit hat in ihrer Online-Befragung rund 30.000 Menschen im Herbst 2021 angeschrieben und um Beantwortung gebeten und mit rund 900 Antworten gerechnet. „Tatsächlich geantwortet haben 569 […] Das entspricht einer Antwortquote von 1,9 Prozent.“ (S. 9). Das Wissen um die Möglichkeit zur Verschreibung war danach hoch (80 %) und der Einsatz derselben stieg von 12,9 auf 17,7 Prozent. Gleichzeitig sank der Anteil derjenigen im Hilfesystem, die die Apps ihren Patient*innen empfohlen haben ab, und 71,3 % haben bisher solche Anwendungen überhaupt nicht empfohlen. Dabei hat sich die Haltung der Ärzt*innen zu den zugelassenen Gesundheits-Apps im Kern nicht verändern: Sie stehen diesen mehrheitlich offen und positiv gegenüber und es gibt differenzierte Sichtweise zum jeweiligen Nutzen und den Risiken (S. 15f). Seitens der ärztlichen Expert*innen sind insbesondere Apps mit Tagebuchfunktionen, zur Ernährungsberatung, Vitalparametern, Verhaltenskontrolle und Sportberatung sinnvoll, sie werden mit 76 und mehr Prozent als wirksam angesehen. Dagegen ist die skeptisch weiterhin am größten bei Themen wie der „Health Literacy“, Depression/suizidalen Gedanken und beim Suchtverhalten (S. 18f). Zudem sank die Einschätzung zur Wirksamkeit von Apps von 2020 auf 2021 ab, was möglicherweise auf Erfahrungswerte von Patient*innen und deren Rückmeldungen zurückzuführen ist.
Sehr kritisch wird auch bei den zugelassenen Apps der Datenschutz bewertet. Die Bedenken dazu teilen 71 % der Befragten, während die Wirksamkeit (47 %) und Zweifel an der Patient*innen-Motivation (46 %) dahinter zurücktreten und organisatorische Hürden nur von 29 Prozent genannt werden (S. 24). Die Studie liefert dabei auch Beispiele aus den Freitextantworten, die sich gerade auf Antworten zu den negativen Aspekten befassen und ein großes Spektrum der Fragenstellungen an die DiGA abdecken. (S. 25f).
Die Studie kommt zu dem Schluss, dass einerseits die DiGA langsam in der Ärzteschaft als Möglichkeit wahrgenommen werden, andererseits die tatsächliche Verschreibungspraxis eher gering ausfällt. Dazu passt es, dass im Gesundheitswirtschafts-Newsletter vom April 2022 die DiGA den kommerziellen Gesundheits-Apps gegenübergestellt werden: „Bis Ende September 2021 zählten die Ersatzkassen (TK, Barmer, DAK, KKH, hkk und HEK) etwa 24.000 Zugangscodes aus. Bei ca. 28 Millionen Versicherten entspricht dies einer Durchdringung von unter 0,1 %. Dagegen wurden die Top-40 Gesundheits-Apps 2020 ca. 2,4 Millionen Mal heruntergeladen.“

Einen ersten Schritt zur Reflexion des Nutzens der Apps aus ärztlicher und psychotherapeutischer Sicht könnte das neue Portal des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung darstellen. Die Website www.kvappradar.de ermöglicht es Patient*innen, Ärzt*innen und Psychotherpeut*innen sich eingehend mit kommerziellen Angeboten und die DiGA auseinanderzusetzen. Ziel ist es, dass im Laufe der Zeit auch die Bewertungen aus der ärztlichen Praxis einfließen und es Suchenden damit ermöglichen sich daran zu orientieren. Aktuell sind ärztliche bzw. psychotherapeutische Bewertungen die Ausnahme.

Angesichts der qualitativen Kritik an den kommerziellen Apps stellt sich hier zu Recht die Frage, ob diese Entwicklung auf dem kommerziellen Gesundheits-App Markt tatsächlich hilfreich für die betroffenen Patient*innen ist. Doch die Diskussion auf dem Ärztekammerforum hat gezeigt, dass es auch seitens der praktizierenden Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen durchaus mehr kritische Stimmen gibt, als es die Ergebnisse der Umfrage andeuten. Zukünftige Befragungen sollten auch gezielt die Seite der Patient*innen einbeziehen und auch die geäußerte Kritik an Kosten und den Verschreibungswegen reflektieren.

Frank Omland
Öffentlichkeitsarbeit

 

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