Coronakrise und Digitalisierung, eine kritische Zusammenfassung des DAK Gesundheitsreports 2021

Jedes Jahr veröffentlicht die DAK einen Gesundheitsreport, der sich dadurch auszeichnet, dass nicht nur die üblichen Zahlen und Reflektionen zur Arbeitsunfähigkeits-Statistik, also den Krankschreibungen der DAK-Mitglieder, dargestellt werden, sondern immer auch ein umfragebasierter Schwerpunkt ausgeführt wird. Der aktuelle Report befasst sich mit der Frage der Auswirkungen von Coronakrise und Digitalisierung. Dazu wurden im Sommer 2021 über 7.000 Beschäftigte befragt und die Ergebnisse in vier Gruppen zusammengefasst. Als Kriterien dienten Alter, Geschlecht und die Inanspruchnahme von ambulanten ärztlichen Versorgung: „Die weitgehend Gesunden nehmen vor allem Routine- und Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch“ (S. 32) und machen 48 % der Gesamtgruppe aus. Die Nicht-Chroniker (8 %) handeln ähnlich, haben aber vergleichsweise viele AU-Tage und dementsprechend vermehrte Arztkontakte. Die stabilen Chroniker (36 %) haben eine chronische Erkrankung, doch wenig Akutbeschwerden, während die komplexen Chroniker (8 %) akute Beschwerden haben und in der Folge viele AU-Tage und überdurchschnittlich häufig Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen müssen. Vermutlich befinden sich insbesondere in der Gruppe der stabilen und komplexen Chroniker viele von denjenigen, die auch in Selbsthilfegruppen vertreten sind.

Vor dem Hintergrund des ersten Corona-Halbjahrs 2020, in dem eine deutliche Abnahme von Arztbesuchen und eine Zunahme von telefonischer Beratung sowie Videosprechstunden zu verzeichnen war (S. 44), wird im Schwerpunkt untersucht, ob sich der generelle Trend auch bei den obigen vier Gruppen so widergespiegelt hat. So suchten die Gesunden im März 2020 überdurchschnittlich häufig Ärzte auf und erst danach ging dies zurück. Dagegen schränkten die komplexen Chroniker am deutlichsten und langandauerndsten ihre Kontakte ein (S. 46). Es ist naheliegend, hier als Motiv eine gewisse Selbstsorge und Vorsicht dahinter zu vermuten.
Die Nicht-Chroniker und die stabilen Chroniker lagen dagegen beide im statistischen Durchschnitt der Arztbesuche (S. 46). Im Kern nahmen Betroffene nicht aufschiebbare Leistungen (etwa Dialysetermine) weiter wahr. Dagegen reduzierten sich insbesondere aufschiebbaren Leistungen, insbesondere die Früherkennungsuntersuchungen (S. 48). Bei den Facharztbesuchen zeigt sich ein uneinheitliches Bild, doch bei der Inanspruchnahme von Psychotherapie ging die Inanspruchnahme gerade derjenigen zurück, die aufgrund einer psychischen Erkrankung besondere Bedarfe haben (S. 50). Hier stellt sich natürlich die Frage, inwieweit dies Auswirkungen auf die Schwere der Erkrankungen bzw. auch auf den Austausch in den Selbsthilfegruppen gehabt hat.

Nicht überraschend ist der deutliche Anstieg der telefonischen statt persönlichen Arztkontakte zu Beginn der Pandemie (S. 53f). Faktisch erst 2020 fanden vermehrt Videosprechstunden statt, wenn auch nur auf niedrigem Niveau (5 % der Befragten nahmen sie in Anspruch, S. 81). Am stärksten nutzten diese Frauen bzw. die komplexen Chroniker (S. 56f). Insgesamt gibt es eine große Bereitschaft sich telefonisch bzw. per Video krankschreiben zu lassen, wobei dies mit dem Lebensalter abnimmt (S. 78).
Auch die Nutzung von Digitalen Gesundheitsanwendungen für psychische Probleme ist nur wenig verbreitet (3,6 % der Befragten), wobei diejenigen mit mehreren chronischen Erkrankungen, insbesondere psychischer Natur, deutlich häufiger das Angebot nutzen (17,3 %, S. 84). Je älter die Betroffenen sind, desto geringer ist die Teilnahme, und Frauen nutzen das Angebot deutlich häufiger als Männer (S. 86). Als Hauptgrund für die Nichtinanspruchnahme wird der fehlende persönliche Kontakt genannt (S. 87).

Abschließend stellte sich die Frage, wie die Gesundheitsversorgung in der Pandemie subjektiv beurteilt wurden: hat sie sich verbessert, ist sie gleichgeblieben oder hat sie sich verschlechtert? „Während kaum jemand angibt, die Versorgung in einem Bereich habe sich verbessert, schätzen die meisten die Versorgung als ‚gleich geblieben‘ ein.“ (S. 92). Eine Verschlechterung sahen je nach Bereich zwischen 8 und 25 % und am stärksten im Bereich des Zugangs zur Psychotherapie (46 %!). „Demnach hat sich die Versorgung am deutlichsten für die komplexen Chroniker verschlechtert.“ (S. 93). Das Abschlusszitat von Prof. Dr. Cordula Kropp vom Zentrum für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung der Uni Stuttgart fast die daraus abzuleitende Aufgabe so zusammen: „Aus der Corona-Krise für das Gesundheitssystem zu lernen wäre, welche erheblichen Unterschiede in der Vulnerabilität für bestimmte Krankheiten in verschiedenen Beschäftigtengruppen bestehen. … Zugleich müssen unterschiedliche sozioökonomische Risiken besser berücksichtigt werden, in Bezug auf Vorsorge, Infektionsgefahr, Verlauf und Letalität.“ (S. 94).
Wie immer lädt das Schwerpunktthema des DAK Gesundheitsreports zur Diskussion der dort präsentierten Ergebnisse ein. Für die Selbsthilfe sind dabei die Auswertungen zu den Chroniker*innen eine Argumentationshilfe, um Verbesserungen im Gesundheitswesen einzufordern.

Frank Omland
Öffentlichkeitsarbeit

 

Wir beraten Sie gerne

Montag - Donnerstag, 11 - 17 Uhr
Selbsthilfe-Telefon 040 / 39 57 67

schriftliche Online-Beratung:
zeitlich unabhängig

 

Aktuell geöffnet

Momentan hat keine Kontaktstelle für eine persönliche Beratung geöffnet.
Die Sprechzeiten für eine Vor-Ort-Beratung finden Sie hier.