Corona, Teilhabe und Rehabilitation

Die Deutsche Vereinigung für Rehabilitation e.V. (DVfR) hat einen Konsultationsprozess durchgeführt, der die Folgen der Corona-Pandemie für Menschen mit Behinderungen, deren Angehörige sowie für professionell Tätige erfassen und Handlungsoptionen für die Sicherung der Teilhabe in allen relevanten Lebensbereichen während (und auch nach) der Pandemie entwickeln sollte. Der entstandene Bericht basiert auf der Auswertung einer nicht repräsentativen (Online-) Befragung von 3.684 Menschen mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen oder Pflegebedürftigkeit sowie 1.124 Angehörigen. Hinzu kommen 1.325 Vertreter*innen von Reha-Diensten und -Einrichtungen, 39 von deren Dachverbänden, 244 von Kostenträgern der Reha-Leistungen sowie 177 aus Betroffenen- und Sozialverbänden. Die befragten Betroffenen waren durchschnittlich 45 Jahre alt (1/3 Männer, 2/3 Frauen), zu fast 90 Prozent anerkannt schwerbehindert und rund 20 Prozent pflegebedürftig. (Abschlussbericht, S. 10-11). Von den Angehörigen sind drei Viertel Frauen, die größtenteils noch berufstätig sind und ein Achtel selbst schwerbehindert. Die Studie dürfte damit ein realistisches Bild dieser beiden Adressatengruppen abgebildet haben, weist aber auch auf die eigenen Schwächen für die Generalisierung dieser Aussagen hin: „Der Konsultationsprozess sollte und konnte kein wissenschaftliches Forschungsprojekt sein. Er verfolgte nicht das Ziel einer repräsentativen Bestandsaufnahme. Auch deshalb enthalten die Berichte keine Analyse der inzwischen rasch anwachsenden Fachliteratur zur Corona-Pandemie und deren Bekämpfung. Der Konsultationsprozess zielte vielmehr auf die Sammlung möglichst vieler differenzierter Problembeschreibungen, Bewertungen und Lösungsvorschläge, die in den themenfeldbezogenen Berichten aufbereitet wurden.“ (Abschlussbericht, S. 12). Der Titel des knapp 70-seitigen Abschlussberichts lautete dementsprechend „Sicherung der Teilhabe während und nach der Pandemie: Problemlagen, Herausforderungen, Handlungsoptionen“.

Schon eingangs wird deutlich, dass die Hauptkritik der Betroffenen und Angehörigen darin lag, dass sich die Politik zu sehr auf die Bekämpfung der Pandemie konzentriert hat und zu wenig auf die Folgen ihrer Maßnahmen auf bestimmte Adressatengruppen. Mit Ausnahme der Bewohner*innen von Alten- und Pflegeheimen spielten die Folgen in der Debatte praktisch keine Rolle. Zentrale Fragen wie „Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen?“, „Wie müssen Gesundheitsversorgung und Teilhabeförderung in der Arbeitswelt und dem Bildungswesen angepasst und verändert werden?“ oder „Wie können durch gesellschaftliche und rechtliche Rahmenbedingungen die Teilhabe und Inklusion sichergestellt werden?“ gerieten nicht bzw. zu wenig in den Blick. Zwar betrafen die vielen allgemeinen Maßnahmen alle Menschen, doch wirkten sich diese bei Menschen mit Behinderungen stärker als Beeinträchtigung der Teilhabe aus. Die Befragten kritisierten zu Recht, dass die Folgen für das System der Rehabilitation in der öffentlichen Diskussion kaum thematisiert wurden, etwa, „dass Menschen in existentiell bedrohlichen Lebenslagen keinen Kontakt zu ihren Angehörigen bzw. ihrem primären sozialen Netzwerk haben können; die privaten Kontakte und zwischenmenschlichen Beziehungen stark eingeschränkt werden und dies mit erheblichen psychosozialen Auswirkungen einhergeht; die Entfaltungsmöglichkeiten für den Einzelnen in seiner privaten Lebensgestaltung und freien Zeit beeinträchtigt werden; die Erziehungs- und Bildungsangebote eingeschränkt und dadurch Kinder und Jugendliche sowie junge Erwachsene in ihrer Entwicklung behindert werden; sich das Arbeitsleben erheblich verändert: Kurzarbeit, Homeoffice, Digitalisierung; verringerte persönliche Kontakte, die eigenen Einkünfte das Auskommen nicht mehr sichern und Menschen deshalb auf Transferleistungen angewiesen sind oder in finanzielle Notlagen geraten.“ (Abschlussbericht, S. 15)

Insgesamt 16 Handlungsfelder mit konkreten Vorschlägen, was zu tun ist, zeigen die Autor*innen im Anschluss auf. Dabei fällt auf, dass einige Punkte schlichtweg die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonversion beinhalten, also nicht umgesetzte Selbstverständlichkeiten sind, die im Rahmen der Pandemiebekämpfung noch weniger als sonst Beachtung gefunden haben. Die angesprochenen Handlungsfelder reichen von Themen wie Zwischenmenschliche Beziehungen, Schutzmaßnamen für Risikogruppen, Selbstbestimmung, Sicherung von Diensten, Beratung und Unterstützung, Angehörige, Vereinbarkeit von Beruf und Betreuung bis hin zu Gesundheitsversorgung, Teilhabe am Arbeitsplatz, Arbeitsschutz sowie Assistenz und individuelle Teilhabe. In jedem Abschnitt werden die Rückmeldungen aus dem Konsultationsprozess zusammengefasst, so dass in der Regel um die zehn sehr konkrete Vorschläge gemacht werden, die tatsächlich umsetzbar sind.

Der Abschlussbericht und weitere Materialien stehen auf der Website der DVfR zur freien Verfügung. Es ist zu hoffen, dass sie nicht nur Diskussionen und Debatten befördern, sondern wirklich zu konkreten Handlungen und Umsetzungen seitens der Geldgebenden aus Politik und Leistungserbringern führen werden.

https://www.dvfr.de/arbeitsschwerpunkte/projektberichte/


Frank Omland, Öffentlichkeitsarbeit

Wir beraten Sie gerne!

Selbsthilfe-Telefon: 040 / 39 57 67

Montag - Dienstag von 10 bis 16 Uhr

Mittwoch - Donnerstag von 12 bis 18 Uhr

 

Aktuell geöffnet

Pandemiebedingt findet bis auf Weiteres in unseren Kontaktstellen keine persönliche Beratung statt. Telefonisch stehen wir Ihnen selbstverständlich zur Verfügung. Bitte nutzen Sie das Selbsthilfe-Telefon.