Auf der Überholspur – von Gruppentreffen in die digitale Welt

Die Selbsthilfegruppe lebt von persönlichen Treffen und Erfahrungsaustausch in der Gemeinschaft, beides ist durch das Kontaktverbot zum Infektionsschutz seit Mitte März 2020 nicht möglich. Der Bedarf nach Austausch mit Gleichgesinnten ist in Krisensituationen erfahrungsgemäß hoch. Die Gruppentreffen bieten den Beteiligten Stabilität, einen Weg aus der Isolation und Einsamkeit und eine Möglichkeit, sich von Problem- bzw. Suchtverhalten zu schützen. Den vertrauten Rahmen der Selbsthilfegruppe nicht mehr zu haben, bringt den Alltag der Betroffenen aus dem Gleichgewicht und kann im Extremfall zur Lebenskrise führen. Welche Auswirkungen der fehlende persönliche Austausch haben kann, unterscheidet sich je nach Krankheitsbild bzw. Thema der Selbsthilfegruppe: So wird aus der Suchtselbsthilfe vermehrt über Rückfälle berichtet, die Angehörigengruppen suchen nach Hilfsangeboten, chronisch Kranke vermissen u. a. ihre Funktionstrainings, Menschen mit Depressionen und psychischen Erkrankungen ziehen sich bis zur Isolation zurück. Menschen mit einer Zwangserkrankung müssen nicht nur auf den Gruppenaustausch verzichten, sondern sind dazu verpflichtet, ihre Verhaltensweisen, an denen sie in längeren Therapien gearbeitet und die sie bereits erfolgreich bewältigt haben, wieder aufzunehmen. Die Deutsche Gesellschaft für Zwangserkrankung schrieb Ende März 2020 in einer Pressemitteilung: „…Für die Zeit nach der Corona-Krise ist zu erwarten, dass die Zahl von zwangserkrankten Menschen steigen wird, weil die Angst vor Viren schwerer zu bekämpfen ist, als die Viren selbst…“

Die Selbsthilfegruppe ist normalerweise der Ort, wo in Zeiten von hohen gesellschaftlichen und persönlichen Belastungen über Krisensituationen gesprochen und gemeinsame Bewältigungsstrategien dagegen eingegangen werden. Der Wegfall dieser Möglichkeit führt zu Coping-Strategien, die je nach Gruppe oder Verband anders ausfallen. Aus diesen Gründen haben viele Selbsthilfeaktive u.a. an folgenden Fragen weitergearbeitet: Wie kann der Austausch ohne persönliche Treffen weitergehen? Wo können die vertrauten Gespräche weitergeführt werden?

In den Wochen des Kontaktverbotes hat sich in der Selbsthilfeunterstützung und in der Selbsthilfe viel in Richtung der Digitalisierung bewegt. Parallel zu KISS Hamburg haben sich einzelne Gruppen, Selbsthilfeorganisationen und Verbände ans Recherchieren, Testen und Ausprobieren von digitalen Tools gemacht. Die vier Hamburger Kontaktstellen erreichten zahlreiche Rückmeldungen aus der Selbsthilfe, wie die Gruppen aktuell mit dem Kontaktverbot umgehen und welchen digitalen Ersatz sie für sich entdeckt haben. Die große Auswahl an technischen Möglichkeiten und die Ausprobierfreude von Selbsthilfe-Aktiven zeigt uns heute, dass doch andere Wege für gegenseitige Unterstützung und Selbsthilfe möglich sind. Darunter sind „Klassiker“ wie gegenseitige Telefonate, Mailings, Chat-Nachrichten, Videotelefonie bis hin zu 2-Personen-mit-Abstand-Spaziergänge. Sogar die etwas in Vergessenheit geratenen schriftlichen Kommunikationswege über Brief bzw. Postkarte erfreuen sich wieder größerer Beliebtheit. So postet die Deutsche Ilco (Stomaträger, Darmkrebsbetroffene) auf ihrer Website in der Rubrik „Wie funktioniert Selbsthilfe ohne Gruppentreffen?“ Statements von Betroffenen: "Ich gehöre noch der alten Generation der Briefeschreiber an. Da wir uns momentan nicht in der Gruppe treffen können, pflegen wir Kontakt über kleine oder auch ausführlichere Briefe. An unsere Gruppenmitglieder habe ich auch kleine Lavendelkissen gestickt und verschickt; die haben sich natürlich sehr gefreut.“  

Einige Selbsthilfeorganisationen nutzen ihre Newsletter für die Sammlung von „Mutmachern“, also Texten mit einer Bandbreite von Ernsthaftigkeit über biografische Schilderungen bis Anekdoten. Andere stellen die Reflektionen ihrer Mitglieder auf die eigene Website und ermuntern sich gegenseitig zum Verfassen solcher Texte, die sich direkt an die Betroffenen wenden und auch in den Sozialen Medien gepostet werden können. Je nach Beeinträchtigung oder Behinderung werden gezielt Tools genutzt, etwa durch den Gehörlosenverband, dessen Vorstand derzeit regelmäßig kurze Videos ins Netz stellt.

Alle sprechen jetzt von der Digitalisierung, also der Nutzung von technischen Möglichkeiten des Austauschs, sei es im Gruppenchat, einem Telefon- oder Video-Meeting. Webinare ersetzen Workshops und bei vorhandener Geschäftsstelle wird Beratung übers Telefon angeboten. Die Selbsthilfegruppen nutzen nicht nur einzelne Tools sondern kombinieren z.B. Chatprogramme mit Videotelefonie, um die Effizienz der Treffen zu steigern und Übung im Moderieren zu bekommen. Gruppenmitglieder berichten, dass Zeitmanagement, Redezeit und Kommunikationsregeln in der digitalen Welt noch wichtiger als in persönlichen Treffen sind. Auch die Ausgewogenheit von Redeanteilen muss im Blick behalten werden. Dazu kommt, dass nicht jede*r Teilnehmer*in der Gruppe sich mit den eigenen Themen und Problemen auf anhieb in die virtuelle Welt traut. Auf ihrer Homepage ermutigen die Anonymen Alkoholiker die Hilfesuchenden zum Ausprobieren: „Bitte weist neuen hilfesuchenden Freunden auf die Möglichkeit des Online-Meetings hin, bietet private telefonische Kontakte an. Auch der Erste-Hilfe-Button sind in dieser nicht leichten Zeit ein Hilfsmittel.“ 

Interessant ist, dass aktuell insbesondere die Anonymen Gruppen deutlich häufiger und offensiver die Möglichkeiten von Online-Meetings, Video- und Telefonmeetings für sich nutzen und die Umstellung – auch wegen der Vernetzung der Anonymen untereinander – schneller vorangeht als in den traditionellen Suchtselbsthilfeverbänden. Deren Erfahrungen beschrieb uns Andreas Schmeling, Projektleiter bei der ELAS-Suchtselbsthilfe in Hamburg und Selbsthilfeaktiver so: „Die Menschen sehnen sich wieder nach realen Treffen, aber es werden auch fleißig Video-, Textchat, Telefon und Messenger genutzt… Der momentane Schwung der digitalen Suchtselbsthilfe reicht vielleicht aus, zukünftig auch eine digitale SHG zu gründen (was wir auch schon vor Corona geplant hatten).“ Der Wunsch, sich endlich auch wieder persönlich treffen zu können, spiegelt sich auch in einer Stellungnahme von bundesweiten Selbsthilfeverbänden wider.

Bis März 2020 vollzog sich die gruppenbezogene Selbsthilfe überwiegend persönlich, im vertrauten Raum in geschützten vier Wänden. Die Nutzung von anderen Medien und technischen Tools war bis dahin eher die Ausnahme als die Regel. Doch jetzt stellen sich neue Fragen für die Aktiven: Wann kann der Alltag wieder so sein wie vorher? Wird das so sein? Was wird sich für die Selbsthilfe zukünftig ändern? Die Corona-Pandemie hat viele Neuerungen ins Altbewährte eingebracht. Unsere heutige Einschätzung lautet: je nachdem wie lange die Zeit bis zum Ende der Pandemie noch dauern wird, wird sich das Verhältnis in den Gruppen und in der Gesellschaft verändern. Zukünftig wird sich die Selbsthilfe noch stärker als bisher mit der Digitalisierung auseinandersetzen und Antworten auf Fragen um Internetauftritte, Soziale Medien, Datenschutz, Nutzung und Haftung, wie sie etwa die Suchtselbsthilfe auf „Sicher im Netz“ und mit einer Broschüre zur Verfügung stellt, werden vielen geläufiger sein als noch zu Beginn des Jahres 2020.

Das Setting der Selbsthilfegruppen wird durch virtuelle Meetings erweitert. Das kann für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen von Vorteil sein, kann aber auch die Hemmschwelle, in eine Gruppe zu gehen, höher werden lassen. Persönliche Begegnungen sind insbesondere für einsame Menschen ein wichtiger Anker im Alltag. Hinzu kommt, dass für manche Menschen in Gruppen bestimmte Rituale, wie etwa selbstverständliche Umarmungen, körperliche Nähe wie Hände halten und Hände schütteln große Wichtigkeit einnehmen und sich auch hier fragen lässt, ob Gruppen dies noch zulassen werden/können. Grundsätzlich wird die Normalität des Gruppenbesuchs wieder eingeübt werden können und sich die Selbsthilfe mit dem Thema beschäftigen, ob Gruppenbesuche durch die Pandemie unattraktiver werden könnten. Das Setting wird sich ändern, es gilt für alle Beteiligte daran zu arbeiten, dass es weiterhin hilfreich für alle bleibt, die gruppenbezogenen Austausch für sich als sinnvoll betrachten.

Karina Kalinowski, Selbsthilfeberaterin
Frank Omland, Öffentlichkeitsarbeit



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