Schweiz, Bundesrepublik, Hamburg – ein Vergleich

Nachdem 2004 die deutschsprachige Schweizer Selbsthilfeszene untersucht worden ist, haben die Hochschule Luzern und die Universität Lausanne im Auftrag der Stiftung Selbsthilfe Schweiz Ende 2017 eine neue Studie „Gemeinschaftliche Selbsthilfe in der Schweiz“ veröffentlicht. Wir haben uns diese neue Studie näher angesehen und mit der SHIELD-Studie zur Bundesrepublik und mit Hamburger Daten verglichen.

Laut einer Gesundheitsbefragung aus dem Jahr 2007 besuchten 2 % der Schweizer Bevölkerung als Betroffene und ebenso viele als Angehörige eine Selbsthilfegruppe, wobei die Frauen hier jeweils mit 60 bzw. 61 % die Mehrheit bilden. Zudem sollen die über 50jährigen die Gruppen dominieren, ihr Anteil betrug 50 bzw. 53 %. 

Kurzer Überblick

Grundlage für die Studie sind die Informationen in einer Datenbank der 20 Selbsthilfezentren aus 17 Regionen. Dort sind 2.226 Gruppen und 351 fachgeleiteten Gruppen erfasst,  wobei – ähnlich wie in Hamburg – davon auszugehen ist, dass eine Reihe von informellen Zusammenschlüssen nicht in den Datenbanken der Selbsthilfezentren zu finden sind. „Umgerechnet auf die Dichte aller Selbsthilfegruppen, […] weist die Schweiz eine durchschnittliche Zahl von 32 Selbsthilfegruppen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner auf.“ Zum Vergleich: Hamburg hatte 2015 knapp 1,76 Millionen Einwohner/innen und 1.261 Gruppen und Verbände (ohne angeleitete Gruppen!), d.h. 71 Gruppen auf 100.000 Einwohner/innen und lag damit deutlich über dem Spitzenwert der Schweiz: Zürich, 55 Gruppen ohne fachangeleitete Gruppen.

Die Schweizer Studie basiert auf der Auswertung einer Online-Befragung, den Ergebnissen aus sechs Fokusgruppen und zwölf Gesprächen mit Fachpersonen. Die Online-Befragung richtete sich einerseits an Selbsthilfegruppen-Mitglieder, andererseits an Fachpersonen aus dem Gesundheits- und Sozialwesen. Der Rücklauf der 45minütigen Befragung betrug 1.149 Bögen, von denen 570 komplett ausgefüllt wurden. Im Unterschied zur Bundesrepublik erfasste die Studie dabei auch Antworten aus „fachgeleiteten Gruppen“. Letztere bezeichnet KISS Hamburg als angeleitete Gruppen. Sie sind keine Zusammenschlüsse von Betroffenen, sondern werden in der Regel durch Professionelle moderiert oder durch nichtbetroffene Ehrenamtliche in deren Freizeit organisiert. Die Schweizer Studie differenziert hier jeweils nach beiden Gruppen und bezog zudem 106 virtuelle Selbsthilfegruppen (VSH), davon 2/3 mit Schweiz-Bezug ein; eine Form des Austauschs, die bisher in der Bundesrepublik so noch nicht von der Forschung beleuchtet worden ist.
Die 46 Teilnehmenden der Fokusgruppen wurden gezielt nach Regionen und der Verteilung bestimmter Selbsthilfe-Themen zusammengestellt. Dabei betrug der Frauen/Männeranteil jeweils 50 % und sowohl Betroffene als auch ihnen Nahestehende wurden berücksichtigt. Die Gespräche mit den Professionellen wurden ebenfalls nach Themenbereichen ausgewählt (Somatische Erkrankungen, psychische Erkrankungen, Soziales). Ziel war es, möglichst repräsentative quantitative und qualitative Ergebnisse durch die Studie zu erhalten.

Die Studie teilt sich in vier Abschnitte: im ersten wird auf die „Verbreitung und Entwicklung der Selbsthilfegruppen“ eingegangen, es folgt ein Kapitel über die „Aktivitäten, Wirkungen und Grenzen der Selbsthilfegruppen“ und zur „Institutionelle(n) Vernetzung und Bedeutung der Selbsthilfe“. Mit den „Schlussfolgerungen und Empfehlungen“ sowie einem umfangreichen Anhang mit Details aus der Studie sowie dem obligatorischen Literaturverzeichnis endet die Buchveröffentlichung.
Der auf die Bundesrepublik übertragbare Erkenntnisgewinn lässt sich je nach Zielgruppe (Professionelle, Mitarbeitende der Selbsthilfekontaktstellen, Selbsthilfegruppen und -organisationen) anders zusammenfassen.

Im Folgenden werden deshalb die Hauptabschnitte jeweils zusammengefasst und kurz bewertet.

1. Zusammenfassung der Ergebnisse im ersten Teil der Studie

Im ersten Teil beleuchtet die Studie die „Verbreitung und Entwicklung der Selbsthilfegruppen in der Schweiz“ und zeigt Unterschiede und Gemeinsamkeiten (regional, thematisch) und die Entwicklung seit der letzten Studie zur deutschsprachigen Schweiz (2004) auf. Grundlage sind die in einer Datenbank der 20 Selbsthilfezentren aus 17 Regionen erfassten 2.226 Gruppen und 351 fachgeleiteten Gruppen,  wobei – ähnlich wie in Hamburg – davon auszugehen ist, dass eine Reihe von informellen Zusammenschlüssen nicht in den Datenbanken der Selbsthilfezentren zu finden sind.  Der Anstieg der SHG in der Schweiz basiert einerseits auf der Gründung von Selbsthilfezentren, also dem Ausbau der hauptamtlichen Unterstützung für die regionalen Gruppen. Andererseits auf der konstruktiven Zusammenarbeit von Fachpersonen mit der Selbsthilfe und den Selbsthilfekontaktstellen.
„Umgerechnet auf die Dichte aller Selbsthilfegruppen, […] weist die Schweiz eine durchschnittliche Zahl von 32 Selbsthilfegruppen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner auf.“ Die größte Dichte ist für Zürich, die geringste für das Tessin nachzuweisen. Zum Vergleich: Hamburg hatte 2015 knapp 1,76 Millionen Einwohner/innen und 1.261 Gruppen und Verbände (ohne angeleitete Gruppen!), d.h. 71 und lag damit deutlich über dem Wert von Zürich (55 ohne angeleitete Gruppen). 

Je urbaner die Region, desto mehr Gruppen mit „Sozialen Themen“

Für die Schweiz werden die Selbsthilfegruppen zu 75 % als Gesundheitsgruppen und 25 % unter „Sozialen Themen“ eingeordnet, wobei die Großstadtregion Zürich ein Verhältnis von 61 zu 39 aufweist. Das bestätigt sich auch für die Bundesrepublik, wo es ebenfalls – aufgrund der Bevölkerungszahl – deutlich differenziertere Angebote in den Großstädten gibt als auf dem flachen Land.
Relativiert wird dieser Befund aber durch eine Aussage in der SHILD-Studie, denn die Selbsteinschätzung der Aktivitäten durch die Gruppen zeigt auf, „dass eine eindeutige Zuordnung im Bereich Selbsthilfe nicht immer möglich ist, da gesundheitliche Probleme mit sozialen und psychosozialen Belastungen einhergehen.“  

Suchtselbsthilfe in der Schweiz unterrepräsentiert

Die Verteilung der Gruppen in der Schweiz unterscheidet sich deutlich von denen in der Bundesrepublik: 1. Somatik, 2. Sucht und psychische Erkrankungen, 3. Kognitive Beeinträchtigungen, 4. Behinderungen. Angesichts der Hamburger Zahlen und denen aus der SHILD-Studie neigt der Rezensent dazu, dass hier die Psychischen Erkrankungen und der Suchtbereich zusammen genommen deutlich an erster Stelle stehen.  Interessanterweise kommen die Schweizer/innen hingegen zum Thema Sucht zu dem Schluss: „Der Anteil dieser Selbsthilfegruppen ist in der Deutschschweiz lediglich halb so gross wie in den übrigen untersuchten Regionen.“  

Starke Zunahme der registrierten Themenvielfalt in der Schweiz

Die Studie identifizierte in der Zeit von 2002 zu 2015 insgesamt 69 neue Themen, was bei 280 Problembereichen 25 % entspricht: „Dazu gehören im Gesundheitsbereich die Themen Demenz (21 Selbsthilfegruppen), rheumatoide Arthritis (15 Selbsthilfegruppen) sowie bipolare Störung, Borderline und Zwangsstörungen (je 10 Selbsthilfegruppen).  Bei den sozialen Themen haben sich insbesondere zu den neuen Themen der Einsamkeit und der Hochsensibilität mehr Selbsthilfegruppen gebildet.“ (28 bzw. 21 Selbsthilfegruppen!).  Für Hamburg lässt sich im Bereich der sozialen Themen ein ähnlicher Trend bestätigen.

Rückgang bei bestimmten somatischen Erkrankungen

Der Wegfall bestimmter Krankheitsthemen in der Selbsthilfe wird von der Studie auf eine Mischung aus individuellen, gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen (Stichwort: Informations- und Austauschkanäle im Internet) zurückgeführt. .

Zielgruppen der Schweizer Selbsthilfe

67 % richten sich an Betroffene, 20 % an Angehörige, 14 % an beide, wobei diese „gemischten“ Gruppen am häufigsten in großstädtischen Räumen zu finden sind.
Die SHILD-Studie differenziert hier nur auf die Gesamtanzahl und kommt auf ein Verhältnis von 22 Betroffene zu fünf Angehörigen.  

Schätzungen zur Selbsthilfe in der Schweiz

Für die Schweiz werden 43.000 Mitglieder in den 2.577 Gruppen angenommen, wobei durchschnittlich 17 Mitglieder pro Gruppe gemessen wurden und knapp die Hälfte der Gruppen zwischen zwei und 12 Mitglieder haben (die Verbände natürlich deutlich mehr). Ähnlich sieht das auch für die Bundesrepublik aus, wo von 17 aktiven Mitgliedern (Median: 11) und einer Spannbreite von  ein bis 620 Mitgliedern berichtet wird, einschließlich der Mitgliederzahlen der Verbände.

Die Selbsthilfe ist eher höher gebildet, tendenziell überaltert und weiblich

41 % der Befragten haben eine höhere Bildung und 45 % der Gruppenmitglieder sind zwischen 51 bis 65 Jahre alt (Schweiz: 19 %). Die Selbsthilfe-Szene hierzulande ist noch älter: 61 % sind über 50 Jahre alt.

Fachgeleitete Gruppen werden kontinuierlicher als Selbsthilfegruppen besucht

Laut der Schweizer Studie nehmen 45 % der Befragten an Betroffenengruppen, 28 % an Angehörigen-Gruppen und 17 % an fachgeleiteten Gruppen teil. Die Studie konstatiert, dass in den Betroffenen-Gruppen ein stärkerer Rückgang als in den anderen Gruppenformen festzustellen ist. Gleichzeitig gehen Menschen häufiger in Gruppen mit Fachpersonal. Merkwürdigerweise lautet das Fazit der Studie: „Dieses Ergebnis könnte ein Hinweis auf eine positive Entwicklung der Wahrnehmung der Arbeit von Selbsthilfegruppen bei den Fachpersonen sein.“ Das ist natürlich auch umgekehrt interpretierbar: wenn Menschen die Auswahl haben zwischen einer Selbsthilfegruppe und einer angeleiteten Gruppe mit Fachpersonal wählen sie verstärkt letztere aus.  Interessanterweise gilt für die Dauer der Treffen: am längsten treffen sich fachangeleitete Gruppen, gefolgt von Angehörigengruppen und den Selbstbetroffenengruppen.

Die Schweizer Selbsthilfe ist geschlechtergemischt

Geschlechtergemischte Gruppen sind die Regel (93 %), Frauengruppen (6%) und Männergruppen (2%) bilden die Ausnahme. Durchschnittlich besuchen zwölf Frauen und neun Männer eine Gruppe, was ziemlich genau auch den Ergebnissen aus der SHILD-Studie entspricht (12 zu 9 in Hamburg; 14 zu 11 insgesamt).

Selbsthilfegruppen arbeiten kontinuierlicher und intensiver bei bestimmten Problemstellungen

Knapp die Hälfte der Schweizer Selbsthilfegruppen existiert schon über zehn Jahre.  Dabei korreliert die Teilnahmehäufigkeit mit den Bedürfnissen der Gruppe: „So gaben proportional mehr sozialthemenbezogene Gruppen (37 %) an, dass alle ihre Mitglieder die Treffen besuchen als die Gruppen mit gesundheitsbezogenen Themen (27 %).“ Bei den intensiven Treffen gilt: „Die Gruppe stellt eine Art Schutz vor dem anzugehenden Problem dar und erfordert daher einen starken Zusammenhalt und eine rege Beteiligung.“

Selbsthilfegruppen leben durch den Erfahrungsaustausch untereinander

Die Aktivitäten der SHG in der Schweiz lassen sich nach der Häufigkeit unterteilen, die sich so auch in der Bundesrepublik und Hamburg wiederfinden lassen: zuerst steht der Erfahrungsaustausch mit Gleichbetroffenen (83 %), gefolgt von der Weitergabe von Informationen (55 %) bzw. den „Gruppengesprächen über Gefühle“ (52 %), dagegen fällt der Themenblock über Lernprozesse, Fachwissen gerieren und Lösungswissen erhalten mit 23 bis 12 % deutlich ab. Und an letzter Stelle stehen tatsächlich andere Aktivitäten wie etwa Freizeitgestaltung (7%). Dies bestätigt auch die hiesigen Erfahrungen: Selbsthilfe findet als Gesprächsgruppe statt und der Austausch als Expertinnen und Experten ihrer Selbst steht auch in der Schweiz im Vordergrund.

Gruppen richten sich nach innen, Verbände nach außen

Die bevorzugten Aktivitäten fasste die Studie in vier Abschnitte zusammen: „Öffentlichkeitsarbeit und Interessenvertretung gegenüber Fachpersonen und der Politik“, „Informationsaustausch (unter den Mitgliedern) und gemeinsame Suche nach Lösungen“, „Austausch über Gefühle und über das Problem“ sowie „Sportliche Betätigungen und Freizeitaktivitäten“. Sie belegte dann wissenschaftlich eine banale Weisheit aus der Selbsthilfeunterstützung: je formalisierter eine Gruppe (sprich: Verein, Verband u.ä.), desto mehr liegt der Schwerpunkt in der Öffentlichkeitsarbeit und im allgemeinen Informationsaustausch sowie bei (Gesundheits-)Sportangeboten, also nach außen gerichtet; je informeller die Gruppen, desto mehr liegt der Schwerpunkt im „Austausch über Gefühle und das Problem“ also nach innen gerichtet: „Es kann beispielsweise angenommen werden, dass die am häufigsten von den Betroffenen-Gruppen ausgeübte Aktivitäten [...] einem verhältnismäßig dringlichen Bedürfnis nach unmittelbarer Entlastung bzw. Intervention bei einem psychischen oder körperlichen Problem nachkommen.“

Gruppen benötigen zuerst handfeste Unterstützung, erst danach pädagogische Angebote

Was die Nutzung der Angebote der Selbsthilfezentren angeht, sind handfeste Unterstützungen mehr gefragt als pädagogische. An erster Stelle steht die Raumnutzung (55 %), dann das Bekannt machen der Gruppe (24 bis 29 %), während Unterstützung für die Gruppenarbeit und für das Klären von Problemen in der Gruppen wenig angefragt wird (unter 10 %). „Das Ergebnis könnte den Willen der Gruppen zum Ausdruck bringen, dass sich die Selbsthilfezentren nicht in die internen Belange der Durchführung von Gruppenaktivitäten ‚einmischen‘“. . Letzteres deckt sich mit Erfahrungen aus Hamburg: die Autonomie der Gruppe ist das höchste Gut, und Hilfe zu holen – auch von KISS – widerspricht diesem Anspruch auf Selbsthilfe! Gleichzeitig lässt sich für Hamburg konstatieren, dass durch den gezielten Ausbau der Fortbildungen und die allgemeinen Gruppenunterstützungsleistungen so viele verschiedene Gruppen erreicht werden, dass der gegenseitige Austausch über Problemlagen in der Arbeit der Gruppe von diesen stark nachgefragt ist.

Online und Offline: Virtuelle Selbsthilfe und Selbsthilfegruppen

Die Studie konstatiert, dass beide Formen auf dem „Austausch von persönlichen Erfahrungen und der Schaffung eines Raums, um Fragen zu stellen“ beruhen und die „gegenseitige Unterstützung und Ermutigung“ ermöglichen. Doch nur eine Minderheit der virtuellen Angebote stellen eine Erweiterung schon bestehender Gruppen ins Internet dar (15%): „Bei der Mehrheit der Online-Gruppen handelt es sich um rein virtuelle Gruppen. Hingegen ist eine Ausbreitung der Selbsthilfe mit variablen Formen zu beobachten, das heißt flexible ‚Gruppen‘ bzw. ‚Gemeinschaften‘, die jederzeit einen Austausch ermöglichen, hierbei die Anonymität gewährleisten und zudem grenzübergreifend sind.“
Drei große Unterschiede arbeitet die Studie zwischen virtuellen (VSH) und tatsächlichen Gruppen (SHG) heraus: die Anonymität und Unsichtbarkeit ist bei der VSH höher (auch weil sozialer Status, Geschlecht, Ethnie u.a.m. nicht identifiziert werden können), der zeitlich uneingeschränkte mögliche Austausch in der VSH und die „Verstärkung des ‚Andersseins‘“, d.h. dass „die Unterscheidung zwischen ‚wir‘ und ‚die anderen‘ besonders ausgeprägt“ ist. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass gerade bei seltenen Erkrankungen die VSH eine neue Möglichkeit für diejenigen geschaffen hat, die sich aufgrund der geringen Anzahl der Betroffenen ansonsten nicht regional treffen können.

2. Zusammenfassung der qualitativen Befragungen

Im zweiten Teil der Studie geht es um die Ergebnisse aus den sechs Fokusgruppen sowie der Online-Befragung, insbesondere um Antworten zu den Beweggründen zur Teilnahme an einer Gruppe und „die Bedürfnisse, die einem solchen Schritt zugrunde liegen [...] Die relevanten sozialpsychologischen Studien haben gezeigt, dass sich eine Gruppe nicht nur zwecks Teilens von Gefühlen und Herstellens von Kontakten bildet, sondern auch dank der Anwesenheit von Mitgliedern mit gleichen Zielen und gemeinsamen Beweggründen.“  Für KISS Hamburg hat die Praxis gezeigt: Man kommt wegen des Themas und bleibt wegen der Gruppe. Oder man geht wegen der Mitglieder der Gruppe (sprich: Abstimmung mit den Füßen).

Gründe, warum Selbsthilfegruppen für die Mitglieder hilfreich sind

Die Studie belegt die auch aus der Bundesrepublik bekannten Entlastungsphänomene der Gruppen: „Wer die gleiche Situation erlebt hat, versteht den anderen am besten“ und wird durch diesen nicht ausgegrenzt bzw. diskriminiert oder gar abgewertet oder in den eigenen Gefühlen relativiert. „Gruppen werden als ein „Ort des Sich-Ausdrückens“, „ein Ort des Zuhörens“, des „Unter-sich-Seins“ und für einen Teil der Mitglieder eine „zweite Familie“ erlebt. Dementsprechend geht es den Teilnehmenden am stärksten um die nach innen gerichteten Aspekte der Gruppe, also um den Kontakt mit Gleichbetroffenen und das Verstanden-Fühlen.  Als „Wahrgenommene Wirkungen der Teilnahme an Selbsthilfegruppen“ werden beschrieben: das „Wiedererlangen eines Zustands des Wohlbefindens“, die „ Verringerung des Schuldgefühls“, die „Verringerung des Einsamkeitsgefühls“, der „Zugewinn an Anerkennung“, das „Erlangen von Kompetenz und Wissen“ und das „Erarbeiten einer Positionierung als Akteur“. Im Kontakt nach außen werden die „Entwicklung von Beziehungen“, der „Ausbau des sozialen Netzwerks“ und ebenso die „Entwicklung der Beziehung zu Fachpersonen“ hervorgehoben.

Selbsthilfegruppen wünschen sich neue Mitglieder und einen höheren öffentlichen Bekanntheitsgrad

Ähnlich wie in Hamburg und auch in der Bundesrepublik lautet auch in der Schweiz das am häufigsten genannte Thema die Mitgliedergewinnung (48%), einschließlich des Fehlens von jüngeren Mitgliedern. Es folgen Fragen zur Zuverlässigkeit der Teilnehmenden (26 %) und der Klage über mangelndes Engagement der Gruppenmitglieder (Stichwort: Verantwortungsübernahme, 15%) sowie dem Problem der Integration von Neuen (11%).
Gruppenintern wird am häufigsten das Durchsetzen von Regeln (77%), bspw. bei einer Redezeitbegrenzung oder bestimmten dominanten Personen genannt. Alles andere fällt dahinter weit zurück.
In der Darstellung nach außen wird das „Vermarkten“ der Gruppe als Problem geschildert oder die Frage: „wie machen wir unser Thema bekannter?“ (62%), des weiteren „Konkurrenz mit dem Gesundheitsfachpersonal“ (25%) und durch das Internet (13%).

Gegenseitiger Respekt und Akzeptanz befördern die konstruktive Zusammenarbeit

„Sind die Interaktionen durch gegenseitiges Verständnis und Respekt gegenüber den Anliegen und Zielen beider Seiten geprägt, ergänzen sich die Beiträge beider gegenseitig und besteht ein wechselseitiger Austausch, entsteht ein realer Mehrwert für alle Beteiligten.“ Und dementsprechend negativ wirken sich die gegenteiligen Verhaltensweisen aus.
Grundsätzlich bestätigten auch die Fachpersonen die von den Gruppenmitgliedern geäußerten Auswirkungen der Selbsthilfe (mit Ausnahme der Verringerung von Schuldgefühlen). Gleichzeitig wird für die Schweiz eine gewisse Distanz von Psychotherapeuten/innen zur Selbsthilfe konstatiert und dahinter die Angst Klientel zu verlieren vermutet.

Grenzen der Selbsthilfe aus Sicht der Fachpersonen

„Andere Studien führen vergleichbare Grenzen und Risiken wie in der vorliegenden auf. Die Viktimisierung von Personen und die Schaffung von Abhängigkeiten kann durch die Gruppen begünstigt werden. Selbsthilfegruppen können eine ungeeignete Lösung darstellen, beispielsweise  wenn sie deren Erwartungen und / oder Bedürfnisse nicht erfüllen. Weiter können Gruppen in die Autorität abrutschen und ihre Eigenständigkeit kann durch professionelle Betreuende beeinträchtigt werden.“  


3. Zusammenfassung Struktur der Schweizer Selbsthilfeunterstützung

Im dritten Abschnitt geht es um die „Beantwortung der Forschungsfragen nach Struktur, Vernetzung und Bedeutung von Selbsthilfe Schweiz und der Selbsthilfezentren“. Dabei wurden sowohl quantitative Aspekte erfasst (Ressourcenausstattung, Dienstleistungs- und Sachleistungsangebote und die Vernetzung mit anderen Fachorganisationen) als auch durch Leitfadeninterviews qualitative Aspekte herausgearbeitet.

Auf der Ebene der Selbsthilfezentren ist zu konstatieren, dass diese vom Aufgabenprofil den hiesigen Selbsthilfekontaktstellen entsprechen, wobei diese neben den staatlichen Geldern zum Teil auch relativ viele Eigenmittel aufbringen müssen. Die Schweiz ist dabei – gemessen an der Bundesrepublik – personell schwächer ausgestattet. Zudem geht die Arbeitszeit für das Fundraising zulasten der Leistung für die SH-Unterstützung.
Das Aufgabenspektrum der Selbsthilfezentren ähnelt dem in der Bundesrepublik, wobei eine wichtige fachliche Frage offen bleibt. So wird in der Schweiz „aufsuchende Arbeit“ selten geleistet, wobei unklar ist, was damit tatsächlich gemeint ist. Da es in Hamburg üblich ist, Gruppen auch vor Ort bei deren Treffen zu unterstützen – auch wenn sich diese nicht in den Räumen von KISS austauschen - stellt sich die Frage, ob in der Schweiz Gruppen außerhalb des SH-Zentrums nicht unterstützt werden können bzw. eine Moderation von Gruppenproblemen durch die Mitarbeitenden geleistet werden kann.
Ein weiterer zentraler Unterschied zur Bundesrepublik besteht darin, dass die Räume in den SH-Zentren kostenpflichtig sind, was Verwaltungsaufwand bedeutet und zudem die Neugründung von Gruppen behindern könnte.

Vernetzung und Zusammenarbeit mit Fachpersonen

In der Schweiz arbeiten die SH-Zentren am stärksten mit dem Psychiatrischen Bereich zusammen, gefolgt von Sozialberatungen und Behindertenverbänden, den so genannten Gesundheitsligen (praktisch Selbsthilfeorganisationen) und erst an fünfter Stelle mit den Hausärztinnen und Hausärzten. Ein direkter Vergleich mit den Ergebnissen der SHILD-Studie ist nicht möglich, doch hier landet die Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft auch eher im Mittelfeld.

4. Empfehlungen (nicht nur) an die Schweizer Politik

Interessanterweise fordert die Studie einerseits eine verbesserte „Gesetzliche und strukturelle Verankerung sowie nachhaltige Finanzierung“, andererseits weicht sie deutlich von den Forderungen der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V. (DAG SHG) zu den angemessenen Stellenressourcen ab. Während für die Bundesrepublik 1,5 Fachstellen und eine halbe Verwaltungsstelle pro 100.000 Einwohner/innen gefordert wird (was allerdings in der Praxis auch nicht umgesetzt wird), ist es für die Schweiz nur die Hälfte dieses Ansatzes.
Ansonsten ähneln sich die Forderungen zu den hiesigen: „Verstärkte Positionierung der gemeinschaftlichen Selbsthilfe als Vertretung von Patientinnen / Patienten und Betroffenen mit hoher Gesundheitskompetenz“ (sprich: Wertschätzung und Einbeziehung als Patienten/innen in Prozesse und Stärkung ihrer Rechte); „Fortführung der Netzwerkkooperationen“, die Schaffung einer „Gemeinsame[n] Austauschplattform über bestehende Angebote“, „Kenntnisse, Anerkennung und Unterstützung der gemeinschaftlichen Selbsthilfe durch Fachpersonen des sozial- und Gesundheitswesens“, „Vermehrte Zusammenarbeit von Selbsthilfegruppen und Fachpersonen aus dem Sozial- und Gesundheitswesen“ (sprich: Weg von Beurteilung und Wettbewerb, hin zu Zusammenarbeit und Akzeptanz der Komplementarität der „Angebote“ von Profis und SHG), „Einbezug benachteiligter Gruppen“ (Jüngere, Männer, Migranten und „Menschen mit tiefem Bildungsstand“, Schaffung eines „Dienstleistungsnetzwerk von Selbsthilfe Schweiz und der Selbsthilfezentren“, „Sichtbarmachung der Selbsthilfegruppen“ (Stichwort: Öffentlichkeitsarbeit, Imagekampagnen), „Vermehrtes Zurverfügungstellen von kostenlosen Gruppenräumen oder sogar von lokalen Selbsthilfegruppen-Häusern“ und die „Verbesserung und Bekanntmachung der Weiterbildungsangebote zum Gruppenmanagement“.

5. Forschungsbedarf

Auch der anvisierte Forschungsbedarf klingt so wie es aus der Bundesrepublik bekannt ist: „Verbesserung der Datenbasis über die gemeinschaftliche Selbsthilfe“ (sprich: Recherche bestehender Gruppen, die nicht erfasst sind), „Rolle der Selbsthilfeorganisationen im schweizerischen Gesundheits- und Sozialwesen“ und die „Bedeutung des Internets und der neuen Medien“ und der Selbsthilfe.
Und wie immer wünschen sich die Forscherenden endlich eine Antwort darauf, warum Selbsthilfe wirkt: „Vertiefte Erforschung der Gesundheitskompetenz (health literacy) der Teilnehmenden an Selbsthilfegruppen“. Eine Befragung von Teilnehmenden an Gruppen soll dem Zustand von Nicht-Teilnehmenden gegenübergestellt werden.

Die Schweizer Studie ist für alle drei Zielgruppen – Selbsthilfegruppen / -organisationen, Mitarbeitende in Selbsthilfekontaktstellen, Professionelle Dritte – lesenswert und bestätigt größtenteils die auch aus der Bundesrepublik bekannten Studienergebnisse aus der Forschung zur Selbsthilfe und den praktischen Erfahrungen in Hamburg.

Frank Omland
KISS Hamburg, Öffentlichkeitsarbeit



Schweizer Studie
Lucia M. Lanfranconi / Jürgen Stremlow / Hakim Ben Salah / René Knüsel (Hrsg.), Gemeinschaftliche Selbsthilfe in der Schweiz. Bedeutung, Entwicklung und ihr Beitrag zum Gesundheits- und Sozialwesen. Bern 2017 (Hogrefe Verlag), 292 Seiten, 39,95 Euro / 40 CHF.

Link zur Schweizer Studie (Broschüre, Anhänge, Bestellung)
http://www.selbsthilfeschweiz.ch/shch/de/was-ist-selbsthilfe/Studien-und-Literatur/Studie-2017.html


SHILD-Studie (Bundesrepublik Deutschland)
Christopher Kofahl / Frank Nieswandt / Marie-Luise Dierks (Hg.), Selbsthilfe und Selbsthilfeunterstützung in Deutschland. Münster 2016, 351 Seiten.


Deskriptive Ergebnis-Berichte zur SHILD-Studie
Stefan Nickel / Silker Werner / Christopher Kofahl: Gesundheitsbezogene Selbsthilfe in Deutschland – Entwicklungen, Wirkungen und Perspektiven. Deskriptiver Ergebnis-Bericht zu der Befragung von Kontaktpersonen der Selbsthilfegruppen (13. Juni 2014).

Stefan Nickel / Silker Werner / Christopher Kofahl: Gesundheitsbezogene Selbsthilfe in Deutschland – Entwicklungen, Wirkungen und Perspektiven. Deskriptiver Ergebnis-Bericht zu der Befragung von Vertreterinnen und Vertretern der Selbsthilfeorganisationen (13. Juni 2014).

Stefan Nickel / Silker Werner / Christopher Kofahl: Gesundheitsbezogene Selbsthilfe in Deutschland – Entwicklungen, Wirkungen und Perspektiven. Deskriptiver Ergebnis-Bericht zu der Befragung der Selbsthilfeunterstützungseinrichtungen (13. Juni 2014).

Dr. Gabriele Seidel / Jan Weidel (MPH) / Prof. Dr. Marie-Luise Dierks (ESG / MHH).: Gesundheitsbezogene Selbsthilfe in Deutschland – Entwicklungen, Wirkungen und Perspektiven. Erste Ergebnisse der multiperspektivischen, qualitativen Befragung von Vertreterinnen und Vertreter der Selbsthilfe und ihrer relevanten Stakeholder. Hannover, 13. Juni 2014.

Alle diese Berichte sind unter der folgenden Website abrufbar:
https://www.uke.de/extern/shild/ergebnisse.html

Diesen Text finden Sie hier im PDF mit Fußnoten und Belegen der Zitate.

Frank Omland, Öffentlichkeitsarbeit KISS Hamburg

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