Neues zum Thema Engagement und Ehrenamt

Zwei neue Publikationen werfen interessante Blicke auf die Weiterentwicklung der Engagementförderung. In der Studie „Zivilgesellschaftliches Engagement im Jahr 2031“, die im Februar 2022 erschienen ist, stellen die Autor*innen Thesen und Prognosen zu den Herausforderungen in der nahen Zukunft auf. Dazu haben sie in Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt mit 20 Menschen aus den Bereichen Sport, Wohlfahrt und Kultur aktuelle Fragen und Entwicklungen diskutiert und die Ergebnisse zusammengefasst.
Die zweite Publikation „Selbstorganisationsfähigkeit stärken – Strukturwandel mitgestalten“ greift diese Ergebnisse auf, stellt die Reflektion auf die Ergebnisse der ZiviZ-Studie in den Mittelpunkt und dokumentiert die Reaktionen und Statements eines Workshops.

„Zivilgesellschaftliches Engagement“

In der ZiviZ-Studie zur zivilgesellschaftlichen Engagementförderung wird unter anderem auf einen Trend zur Verschiebung des Engagements zugunsten von Themen wie Umwelt, Bildung und internationale Solidarität verwiesen und dem „Trend zur Informalisierung von Engagement: Menschen bauen seltener eine langfristige Bindung zu einer Organisation auf und ziehen zunehmend ein Engagement in informellen Initiativen dem in klassischen Vereinsstrukturen vor.“ (S. 11). Knapp 30 Prozent engagieren sich u.a. in selbstorganisierten Gruppen außerhalb von Organisationen (S. 27) Meines Erachtens schlägt sich diese Entwicklung auch in der praktischen Arbeit von Selbsthilfeorganisationen nieder. Neue Mitglieder zu gewinnen und projektorientiert zur Mitarbeit zu bewegen und dadurch möglicherweise im Anschluss dann längerfristig an den Verein zu binden, treibt viele Vorstände um. Wenig überraschend konstatiert die ZiviZ-Studie, dass vielen Organisationen Zeit, Geld und Personen fehlen, um sich auf die Veränderungen einzustellen und diese reflektieren zu können. Das Handeln im „Hier und Jetzt“ kostet alle ehrenamtlichen Ressourcen, auch weil Fördermittel in der Regel nur projektorientiert zur Verfügung stehen und Zeit für die zukunftsorientierte Reflektion des eigenen Handelns nicht unterstützt wird.
Im zweiten Teil der Studie fließen die Ergebnisse von „Workshops mit Vertreterinnen und Vertretern aus gemeinnützigen Organisationen unterschiedlicher Themenfelder, Verbände, Wirtschaftsunternehmen und Hochschulen“ ein, wobei hier lediglich ein Verband Selbsthilfenähe aufweist (S. 36, S. 50f). Anhand von fünf Prognosen (Wandel der öffentlichen Daseinsvorsorge, Wandel des Arbeitsmarktes, Sozialraumentwicklung, Digitaler Wandel, Wandel von gesellschaftlichen Konfliktlinien) stellt die Studie dann jeweils ein optimistisches und ein weniger optimistisches Zukunftsszenario und deren Auswirkungen dar. Für Hamburg interessant sind die Thesen auf Ebene der Metropolregionen (S. 39f). Im optimistischsten Szenario gehen die Beteiligten davon aus, dass es generations- und formatübergreifende Angebote geben wird, die dem Ausschluss der nicht digitalisierten Bevölkerung entgegen wirken. Dazu dienen auch hybride Partizipationsmöglichkeiten, also klassische physische Beteiligungsformate verschränkt mit digitalen. Der generationsübergreifende Austausch soll gefördert und die digitale Medienkompetenz entwickelt bzw. gestärkt werden. Durch kluge Bedarfsanalysen wird dem Ausschluss von Gruppen entgegen gearbeitet, es gibt strukturierte Mitgestaltungsoptionen und Allianzen innerhalb der Zivilgesellschaft. Im zweiten Szenario befassen sich die Beteiligten mit möglichen Problemlagen und Ideen von Lösungen dafür. So werden „analoge Räume der Verständigung“ vorgeschlagen, um eine digitale Blasenbildung zu verhindern, das Engagement bildungsferner Gruppen gefördert, die Fähigkeit zur Auseinandersetzung untereinander gestärkt und auch hier wieder die digitale Medienkompetenz entwickelt und über allem steht der „Einsatz für gleichwertige Lebensverhältnisse“.

„Selbstorganisation stärken“

Die zweite Publikation befasst sich praktisch mit ähnlichen Themen. Sie ist eine Expertise von ZiviZ, die im März 2022 erschienen ist und vom Netzwerk Engagementförderung in Auftrag gegeben wurde. In diesem Netzwerk sind u.a. auch die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen sowie Zusammenschlüsse der Freiwilligenagenturen oder auch der Seniorenbüros organisiert. Unter dem Titel „Selbstorganisationsfähigkeit stärken – Strukturwandel mitgestalten. Die Rolle engagementfördernder Einrichtungen in der Weiterentwicklung der Zivilgesellschaft“ werden auf 35 Seiten Thesen zur zukünftigen Entwicklung vorgestellt, die als Impulse für die am Netzwerk Beteiligten dienen sollen.
Nach einem kurzen historischen Abriss wird der aktuelle Wandel der Zivilgesellschaft beschrieben, der sich u.a. auch daran ablesen lässt, dass zwar einerseits seit 1995 die Anzahl der (gemeinnützigen) Vereine von knapp 417.000 auf 608.000 im Jahr 2019 gestiegen ist. Parallel dazu nahm die Anzahl der sich auflösenden Vereine zu, sodass sich der Anstieg der Vereine verlangsamte (S. 11). Hintergrund ist ein Strukturwandel: die Abnahme „gemeinschaftsbasierter, weniger politisch ausgerichteter“ Vereine (Sport, Freizeit, Geselligkeit, Freiwillige Feuerwehr) und eine Zunahme von Vereinen im Bereich „zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation in den Feldern BürgerInnen- und VerbraucherInneninteressen, Bildung und Erziehung, internationale Solidarität und gemeinschaftliche Versorgungsaufgaben“ (S. 13). Damit einher geht ein verstärkter Außenbezug, d.h. der Versuch, in der Gesellschaft eine bestimmte Wirkung zu erzielen, sowie ein Anstieg derjenigen, die sich jenseits der üblichen Vereinsstrukturen engagieren (S. 17).
Aufgrund der Konflikte innerhalb der Gesamtgesellschaft stellt die Expertise von ZiviZ klar: „Neue Herausforderungen für die Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements erwachsen aus dieser Entwicklung, da sich keine Engagementförderung mehr leisten kann, ihre demokratischen und politischen Implikationen unreflektiert zu lassen.“ (S. 19). Da Selbstorganisation sowohl demokratische und pluralistische Tendenzen als auch gegenteilige Zielsetzungen befördern kann, sollte jeder Verein sich hier fragen, welche Richtung er selbst durch sein Handeln befördert: „Zudem muss zukünftig verstärkt die Frage aufgegriffen werden, inwiefern bestimmte Formen des Engagements selbst ein Weg zur Überwindung von Erfahrungen der Entfremdung, des Vertrauensverlustes in politische Institutionen und des gewachsenen Ressentiments darstellen können. Die Ermöglichung von Selbstwirksamkeitserfahrungen durch die Gestaltung des kommunalen Raumes, der ‚Mitgestaltung der Gesellschaft im Kleinen‘, könnten hier einen wichtigen Zugang darstellen.“ (S. 19). Auf der Ebene der Handlungsmöglichkeiten und -empfehlungen für die Vereine wird zuerst einmal wieder auf die Digitalisierung abgehoben, wobei hier eine auf Bundes- oder Länderebene angesiedelte professionelle Einrichtung und die Identifizierung der Vereine mitbesonderem Unterstützungsbedarf eingefordert wird (S. 24). Insbesondere die Vorstandsstrukturen und die Einbeziehung jüngerer Mitglieder stellt laut Expertise eine große Herausforderung dar. So müssen diese sowohl gewonnen als auch ältere Vorstände dazu bewegt werden, den Verein für das (auch zeitlich befristete) Engagement der Jüngeren zu öffnen (S. 25). Die gezielte Übertragung einzelner Bereiche, die Entwicklung flacherer Strukturen und das Verteilen von Aufgaben auf mehrere Schultern können dabei hilfreich sein.
Im letzten Abschnitt der Expertise setzt sich diese kritisch mit der Förderpraxis auseinander: „Förderung durch Bund und Länder – das bedeutet aber häufig: Der Fokus liegt auf einzelnen Einrichtungstypen und ministeriellen Planungs- und Steuerungsphantasien. … Zudem werden Förderungen zu häufig an Zielsetzungen und Vorgaben geknüpft. Das gilt auch immer dann, wenn sie projektbezogen erfolgen“ (S. 32). Dies stellt nicht nur für Selbsthilfekontaktstellen, sondern auch für Selbsthilfeorganisationen in der Praxis ein Problem dar. Dementsprechend plädiert die Expertise für institutionelle Förderungen, denn „Selbstorganisation braucht Autonomie und ermöglichende Rahmenbedingungen.“ (S. 32). Dem ist nichts hinzuzufügen.

Die beiden Publikationen geben auf unterschiedlichen Ebenen Anstöße, die je nach Verein mehr oder weniger hilfreich ausfallen können. Da an praktisch so gut wie keiner Stelle aber ausdrücklich auf Patient*innenorganisationen, die Selbsthilfe oder Selbsthilfekontaktstellen eingegangen wird, gilt es, selbst den Transfer für diese zu leisten.

Frank Omland
Öffentlichkeitsarbeit

 

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