Hilfen für (ehrenamtliche) Vorstände

Die Vorstandsarbeit wird heutzutage immer anspruchsvoller und gleichzeitig wird es immer schwieriger, Aktive für diese Tätigkeiten zu finden. Wir stellen vier neuere Arbeitshilfen vor, die sich mit unterschiedlichen Schwerpunkten Fragen aus der Vereinsarbeit widmen.

Mit der Online-Broschüre „Junge Menschen und gealterte Strukturen. Ein Leitfaden zur Integration von jungen Menschen in bestehende Selbsthilfeangebote“ (pdf-Download) hat sich die Frauenselbsthilfe nach Krebs einem Thema angenommen, das viele Vereine umtreibt: wie können Junge Menschen an den Verein gebunden werden? Im Vordergrund steht die Frage, was Selbsthilfegruppen und – verbände lebendig macht und lebendig hält und wie ein Generationswechsel gut gelingen kann.
Die 52seitige Online-Broschüre erläutert zum einen die Gründung der NetzwerkStatt Krebs (NSWK) für Junge Krebsbetroffene in den Jahren 2014ff. Zum anderen fasst es die Ergebnisse einer „Open Space“ Konferenz mit 500 Beteiligten zusammen. Dabei wird darauf eingegangen, was Menschen an Selbsthilfe bindet, welche Strukturen Selbsthilfe schwächen und welche Schritte zum Erfolg des NSWK beigetragen haben. Angesichts von Problemen wie z.T. veraltete Strukturen, fehlende Räume für aktive Selbstorganisation, Belastung, Überlastung der alten Aktiven geht der Bundesverstand davon aus: „Die Frage danach, wie Führung verstanden wird, ist ausschlaggebend dafür, wie lebendig und wandlungsfähig eine Selbsthilfegruppe und –organisation ist.“ (S. 13). Dementsprechend sind Treffen der Jungen Selbsthilfe tatsächlich anders: Auf Wochenendtreffen wird mittels des OpenSpace Verfahrens (und ohne Vorträge von externen Experten/innen) ein Begegnungs- und Lernraum geschaffen, der inhaltlich vorher nicht durchgeplant ist und dadurch Neugierde, Begeisterung und Interesse (aneinander) befördert. Wie es dazu kommen konnte, stellt die Broschüre anhand von 5 Phasen dar (Raum für… Veränderung, …Beteiligung, …authentische Begegnung, …generationsübergreifenden Dialog, …Verstetigung und Erneuerung). Jede dieser Phasen wird kurz erläutert und schließt mit einer konkreten Arbeitshilfe und Erläuterung von Werkzeugen für die Arbeit ab (Checklisten, Medicine Wheel Tool, OpenSpace, Holistische Moderation, Lebenszyklus von Organisationen). Abschließend widmet sich die Broschüre noch dem Prinzipien Neuer Führung, einer offenen Haltung, die alle Beteiligten einbezieht und im Konkreten nach diesen Leitsätzen funktioniert: „Die da sind, sind genau die Richtigen“, „Was auch immer geschieht: Es ist das Einzige, was geschehen konnte“, „Es fängt an, wenn die Zeit reif ist“, „Es ist vorbei / Nicht vorbei ist nicht vorbei“. Von allen Arbeitshilfen sticht diese dadurch heraus, dass sie sich auch im Layout am Prinzip orientiert, neugierig machen zu wollen.

Der PARITÄTISCHE Nordrhein-Westfalen ist dagegen einen anderen Weg gegangen und hat sich 2017 ein zentrales Thema herausgegriffen, das viele Vereinsvorstände umtreibt: „Übergabe. Wie der Vorstandswechsel im Verein gelingt“ (Link zum pdf).
Die 24seitige Arbeitshilfe bleibt dabei aber nicht nur optimistisch bei Fragen zur konstruktiven Übergabe von einem Vorstand zu einem anderen stehen, sondern geht auch intensiv auf die Frage ein, wie überhaupt neue Vorstandsmitglieder gewonnen werden können. Das Redaktionsteam beschreibt eingangs, was Menschen zum ehrenamtlichen Engagement bewegt, wie sich diese engagieren wollen und worin sich das von „alten“ Mustern des Engagements in Vereinen unterscheidet. Im zweiten Schritt schlagen sie eine Analyse der derzeitigen Vorstandsarbeit vor, um daraus praktisch eine Planung zum Wechsel abzuleiten. Die These, dass „Die richtigen Finder“ von neuen Vorstandsmitglieder gefunden werden müssen, überzeugt einerseits, doch dürfte die Einberufung einer das Gesamtbild des Vereins repräsentierenden Findungskommission für eine Vielzahl kleinerer und größerer Vereine nicht unbedingt leistbar sein. Die Vorschläge dazu, auf welche Art und Weise potentielle neue Vorstände angesprochen werden können, überzeugen und können eine Reflexionsfolie für den alten Vorstand darstellen. Hilfreiche Checklisten für die Übergabe sowie ein Literaturverzeichnis schließen die Arbeitshilfe ab.

Die Stiftung Mitarbeit (www.mitarbeit.de) ist 2015 einen eher klassischen Weg gegangen und hat mit ihrer 182-seitigen Publikation „Perspektiven entwickeln. Veränderungen gestalten. Eine Handreichung für Vereinsvorstände“ in Aufsatzform elf Themenkomplexe behandelt (u.a. Leitprinzipien nachhaltiger Vereinsführung, Vereinsrecht, Organisationsentwicklung, Konflikte im Vorstand, Verein 2.0. Vitualisierung durch Virtualisierung). Im Anhang finden sich zudem sieben Arbeitshilfen, die in der Praxis auch konkret angewandt werden können, und das obligatorische Literaturverzeichnis. Die fachliche Tiefe der Aufsätze setzt voraus, dass der Vereinsvorstand Zeit und Lust hat, sich mit den angesprochenen Themen zu befassen, und nicht aktuell in einer Situation ist, in der er auf schnelle Hilfe angewiesen ist. Die Frage, welche der Fachaufsätze für ihn sinnvoll sind und ob hier praxisrelevant argumentiert und vermittelt wird, dürfte sich ehrenamtlichen Laien nicht immer schnell erschließen.

Ebenfalls „nur“ einen Ausschnitt beleuchtet die BAG Selbsthilfe in ihrer 112-seitigen Publikation „Hart an der Grenze – Herausforderung und Überforderung in der Selbsthilfe. Handbuch. Herausgegeben von der BAG Selbsthilfe" (Downloadmöglichkeit unter: http://www.bag-selbsthilfe.de/materialien-downloads.html).
Dieses Thema ist für viele Vereine anschlussfähig, neigen doch manche Vorstandsmitglieder zum Einzelkämpfertum und dementsprechend dazu, irgendwann alles aus Überforderung hin zu werfen und in der Folge unbeabsichtigt ein Nachfolgeproblem im Verein zu produzieren. Das kartonierte A4-Handbuch richtet sich zwar formal schwerpunktmäßig an die Ehrenamtsszene von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen, doch sind die Vorschläge größtenteils auch für alle anderen Vorstandsmitglieder übertragbar. Es fasst die Ergebnisse eines Projekts zusammen, das sich mit dem Themen „Überforderung“, „Stress“ und „Burnout“ beschäftigt hat. Unter anderen geht es um strukturelle Fragen (Spannungsfelder Ehrenamt und Hauptamt), Prävention und die Sensibilisierung für die Problematik. Ob der Abdruck eines Vortrags zum Thema samt eingehender Erläuterungen, das Beispiel für die Organisation und den Ablauf eines Wochenendseminars sowie ein Methodenkoffer mit Übungen und Arbeitsideen jeweils umsetzbar ist oder eher durch externe Moderatoren/innen und Referenten/innen umgesetzt werden sollte, muss offen bleiben. Das Handbuch dürfte bei zugewandten lösungsorientierten Vorständen auf offene Türen stoßen, die anderen dürften wahrscheinlich erst durch eine gute Unterstützung von Außen von diesen Ansätzen zu überzeugen sein.

Alle vier Publikationen sollen an dieser Stelle empfohlen werden, denn sie liefern – wenn auch auf sehr unterschiedliche Art und Weise – Arbeitshilfen und Anstöße für die Probleme in der heutigen Vereinsarbeit.

Frank Omland, Öffentlichkeitsarbeit, KISS Hamburg

Hinweis
KISS Hamburg hat für Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeorganisationen „Kurzinformationen zu Rechten und Pflichten von Vereinen und Selbsthilfegruppen“ zusammengestellt, die für die eigene Arbeit in und mit den Gruppen relevant sein dürften. Wir aktualisieren diese Information laufend und stellen diese auf Nachfrage Interessierten zur Verfügung (Mail an: kiss@paritaet-hamburg.de).

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