Glücksspiel und Selbsthilfe

In einer im Juli 2020 veröffentlichten Studie der Universität Bremen mit 355 Personen wurden die Betroffenen in verschiedene Kategorien eingeteilt, um die Effekte von Selbsthilfegruppen-Treffen von Effekten anderer Unterstützungs- und Beratungssettings abzugrenzen. Dabei wurde danach differenziert, ob jemand einzig und allein eine Gruppe, eine Beratungsstelle oder beides besucht bzw. aktuell Beratungsstellen aufsucht, aber früher schon einmal an einer Gruppe teilgenommen hat. Die Ergebnisse zeigen, dass schon bei den Kategorien Alter, Erwerbslosigkeit und Migrationshintergrund sich Gruppenteilnehmende von dem Durchschnitt derjenigen, die eine ambulante Suchthilfe aufsuchen, deutlich unterscheiden (S. 5, S. 30). Ein zentraler Aspekt ist die hohe Zufriedenheit mit dem Setting und der Arbeit der Selbsthilfegruppen: „Als positive Effekte der Gruppenbesuche nannten die Befragten besonders häufig den klareren Blick auf die eigene Situation sowie Unterstützung bei der Beendigung des Glücksspielens und bei der Vermeidung von Rückfällen sowie zahlreichen weiteren Schwierigkeiten. Am wenigsten stimmten sie der Aussage zu, durch die Gruppe auf professionelle Hilfe verzichten zu können. Negative Aspekte wurden kaum bestätigt. Für aktuelle Mitglieder einer SHG gibt es hinsichtlich der Inhalte und Gestaltung kaum Optimierungsbedarf. Potenzial liegt dagegen in der Ansprache jüngerer Betroffener und in einer guten Vernetzung mit der professionellen Hilfe für Personen mit zusätzlichen Belastungen und schweren Störungen.“ (S. 6). Da von den 355 Personen 240 eine Selbsthilfegruppe besuchten und nur 79 noch nie eine Gruppe besucht haben, dürfte das Ergebnis der Studie das Geschehen in Glücksspielselbsthilfegruppen gut widerspiegeln (S. 13). So waren die SHG-Mitglieder häufiger berufstätig und älter als die Noch-Nie-Mitglieder. In der Regel hatten sie zudem weniger Probleme mit Alkohol und Tabakkonsum gehabt und es „lagen auffallend selten andere psychische Probleme vor“ (S. 19, S. 24).

Bei den Gründen für den Nicht-Besuch einer Gruppe steht interessanterweise „Ich bekomme bereits genug Hilfe“ im Vordergrund, bei Jüngeren zum Teil die Unkenntnis über die Existenz von Gruppen und eher selten Ängste, Unsicherheiten oder die Angabe, sich nicht zu trauen, ein Treffen zu besuchen (S. 26). Die soziodemographischen Angaben zu den SHG-Mitgliedern zeigen auf, dass diese gut integriert sind und überwiegend in festen sozialen Beziehungen leben (S. 33). Zu vermuten wäre, dass sich Gruppenbesuch und die guten sozialen Beziehungen gegenseitig verstärkend auf die Abstinenz auswirken und jeweils nur durch lebensgeschichtliche Interviews herauszuarbeiten ist, wie sich dies im konkreten für die*den Einzelnen in der Biografie ausgewirkt hat. Doch auch unter den Gruppenmitgliedern nutzen noch ein Viertel im letzten Monat Glückspielangebote (von Lotto bis Automaten, (S. 37)). Hier wäre ein Vergleich mit den anderen Untergruppen der Untersuchung hilfreich gewesen, weil zu vermuten ist, dass dort der Glücksspiel-Anteil höher ausgefallen ist.

Für die Selbsthilfe sind die Teile der Studie von besonderem Interesse, die auf die Effekte der Gruppenteilnahme abzielen und die Frage beantworten, was sich mit den eigenen Erfahrungen deckt und was nicht (S. 45-52). Die „Kurzübersicht relevanter Befunde“ zeigt ergänzend auf, welche Personengruppen am meisten Schwierigkeiten haben, eine Gruppe zu besuchen und lädt zur Diskussion um die Gründe dafür ein (S. 53). In der anschließenden Diskussion der Studienergebnisse wird dies zusammenfassend noch einmal ausführlicher dargestellt (S. 54-60).

Für die Selbsthilfeunterstützung sind die Ergebnisse eine gute Argumentationshilfe, wenn es um die Diskussion mit anderen Professionellen geht. Gerade für die SH-Fernen und die skeptischeren Profis lassen sich aus den Ergebnissen der Studie gute Argumente für die Teilnahme in Selbsthilfegruppen ableiten. Grundsätzlich stellt sich aber abschließend noch eine fachliche Frage, die möglicherweise den gegenlesenden Expert*innen aus der Selbsthilfe einfach „durchgerutscht“ ist bzw. es nicht in die Erläuterungen der Studie geschafft hat. Die Forscher*innen behaupten, dass die 12-Schritte-Gruppen nicht mehr die Selbsthilfe dominieren (S. 8), doch dürfte dies für das Thema Glücksspiel zu hinterfragen sein. In Hamburg sind die meisten Glücksspielsucht-Gruppen noch bei den Narcotics Anonymous zu finden, also bei Gruppen nach dem 12-Schritte-Prinzip, und es stellt sich die Frage, ob die NA bundesweit nicht weiterhin die Mehrheit der Glücksspielgruppen bilden. So oder so wurde in der Studie eine Chance vergeben, zu untersuchen, ob dialogische oder monologische Gesprächsregeln das Wohlbefinden der Gruppenmitglieder eher befördern und welche der 12-Schritte-Regeln als besonders hilfreich oder störend empfunden werden.
Unabhängig davon bleibt sie sehr lesenswert für die ehrenamtliche Selbsthilfe und die Selbsthilfeunterstützung.

Frank Omland,
Öffentlichkeitsarbeit, KISS Hamburg

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