Evaluation eines Gesundheitsprojekts in Billstedt/Horn

Einige werden den Gesundheitskiosk und seiner Angebote kennen. Er ist Teil von Maßnahmen, die im Rahmen des bundesweiten Förderprojekts „Hamburg Billstedt/Horn als Prototyp für eine Integrierte gesundheitliche Vollversorgung in deprivierten großstädtischen Regionen“ (INVEST) gefördert wurden. Im Mittelpunkt standen Regionen, in denen erhebliche soziale Ungleichheiten eine Auswirkung auf die Gesundheit und die Lebenserwartung der Bevölkerung haben. Die Arbeit aller Beteiligten vor Ort wurde für den Zeitraum von drei Jahren (Januar 2018 bis September 2020) von der Universität Hamburg begleitet und das Projekt abschließend evaluiert. Im Rahmen der neuen Versorgungsformen wurden vier Ziele formuliert: die Verbesserung der gesundheitlichen Chancen der Bevölkerung, der Patientenerfahrungen und die Erhöhung der Patientenzufriedenheit, der Wirtschaftlichkeit der Gesundheitsversorgung sowie der Vernetzung und Arbeitszufriedenheit der Akteur*innen der Gesundheitsversorgung. Dafür wurde das Gesundheitsnetzwerk aus- und aufgebaut, als neue Anlaufstelle ein Gesundheitskiosk geschaffen und mit neuen Behandlungs- und Versorgungspfaden in der Region die Vernetzung der Akteure untereinander implementiert. Zentral für die Umsetzung der Ziele ist der Gesundheitskiosk als „eine populationsorientierte, niedrigschwellige und unterstützende Stadtteilinstitution“. (Wir berichteten dazu in der Selbsthilfezeitung 147, März 2018).
Die erste Evaluation fragte die Nutzungswahrscheinlichkeit und -intensität ab, stellte eine hohe Teilnahmefrequenz (57 % der „eingeschriebenen Versicherten“), insbesondere beim Thema Übergewicht, fest. Seitens der Nutzenden wurde der Gesundheitskiosk sehr positiv bewertet: so sind 80 % sehr zufrieden mit dessen Arbeit, die sowohl aus Beratungen wie aus Kursangeboten besteht. Als zweites wurde die Patientenorientierung der Versorgung evaluiert und dafür die örtlichen Arztpraxen mittels eines Fragebogens einbezogen. Pandemie-bedingt ging die Rückmeldequote so stark zurück, dass die Ergebnisse bedauerlicherweise auf einer sehr kleinen Fallzahl beruhen (statt 1.221 bei der Erstbefragung nur noch 98 in der Zweitbefragung). Danach ist die Patientenzufriedenheit zwar stark gestiegen, doch müssen die Ergebnisse zurückhaltend interpretiert werden. Als drittes stellte sich die Frage nach der Wirkung der neuen Versorgungsangebote auf die beteiligten Versicherten (Stichworte: Patientenzufriedenheit und Patientenaktivierung sowie gesundheitsbezogene Lebensqualität). Mit 665 bzw. 302 Rückläufen von 3.571 Fragebögen wirkte sich auch hier die Pandemie negativ auf die Datenbasis aus. Nichtsdestotrotz konnte festgestellt werden, dass die allgemeine Zufriedenheit mit der Gesundheitsversorgung in Billstedt/Horn angestiegen ist. Ergänzend dazu wurden in einer randomisierten Stichprobe von Versicherten weitere 15.000 Menschen angeschrieben von denen 2.802 antworteten. Zielindikatoren waren der Zugang zur Versorgung, die Arztbesuche, mögliche Krankenhausaufenthalte, die Gesundheitskompetenz und der eigene Gesundheitszustand. „Die Zielindikatoren der Interventionsgruppe wurden dabei im Vergleich zu einer Kontrollgruppe analysiert.“ (S. 7, Kurzbericht; S. 130 Langfassung). Während es gelungen ist, dass die Versicherten einen leichteren Zugang zur ambulanten Versorgung fanden, die Anzahl der Arztbesuche deutlich anstieg und gleichzeitig die Krankenhausfälle reduziert werden konnten, konnte die Evaluation keine signifikante Verbesserung des Gesundheitszustandes und der Gesundheitskompetenz im Vergleich zur Kontrollgruppe messen (S. 8, Kurzbericht).
Wenig überraschend wollten die Geldgeber*innen natürlich auch wissen, ob sich INVEST auch auf die Kosten im Gesundheitswesen positiv auswirken würde, wobei bzgl. der Krankenhausfälle noch keine belastbaren Aussagen getroffen werden konnten, die Arzneimittelausgaben sich reduzierten und gleichzeitig die Pflegekosten anstiegen (vermutlich wegen der guten Beratung der beteiligten Akteure). Während die Ärzt*innen das Projekt am Ende positiver beurteilten, konnte für ihre eigene Arbeitszufriedenheit oder gar ihre Arbeitsbelastung keine signifikante Veränderung gemessen werden. Doch insgesamt fällt ein wichtiges Zwischenfazit der Evaluation sehr positiv aus: „Die Interventionen der neuen Versorgungsform werden von den Leistungs- und Kooperationspartnern:innen im Durchschnitt als hilfreich bewertet. Insbesondere der Gesundheitskiosk trägt aus Sicht der Leistungs- und Kooperationspartner:innen zu einer Arbeitserleichterung und Verbesserung der Patientenversorgung bei.“ (S. 10 Kurzbericht).
Wie valide die 23 Erfolgsfaktoren sind, die in der Evaluation durch eine qualitative Fallstudie mit 40 Interviews und die Analyse von fallbezogenen Dokumenten erschlossen wurden, darüber lässt sich trefflich streiten. Doch erscheinen die besonders häufig thematisierten Faktoren sehr plausibel und praxisnah umsetzbar zu sein. Im Ranking stehen die gemeinsame Wahrnehmung eines akuten Handlungsbedarfs, ausreichende finanzielle Ressourcen, die Unterstützung durch Krankenkassen, politische Akteur*innen und Ärzt*innen, etablierte und funktionierende Kommunikationsstrukturen zwischen den Akteur*innen sowie eine handlungsfähige Geschäftsstelle für Koordinationsaufgaben an oberster Stelle. Funktionieren kann das Ganze natürlich nur, weil es Akteur*innen mit der Bereitschaft zur aktiven Beteiligung an der Entwicklung und Umsetzung gemeinsamer Maßnahmen gibt und durch einen offenen Informationsaustausch und eine gemeinsame Entscheidungsfindung die Qualität der eigenen Arbeit verbessert werden kann.
Wir freuen uns jedenfalls, dass das Projekt und insbesondere Gesundheitskiosk so erfolgreich in der Region Billstedt/Horn ist und würden eine dauerhafte Implementierung vor Ort sehr befürworten.

Die Evaluation steht in einem Kurzbericht sowie eine umfassenden Langversion Interessierten zur freien Verfügung.

Frank Omland, Öffentlichkeitsarbeit

 

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