Ein deutlicher Zulauf zur Selbsthilfe?

Bundesweit konstatieren die Selbsthilfekontaktstellen laut NAKOS-Länderrat vom September 2021 einen deutlichen Zulauf zu den Selbsthilfegruppen und lediglich das Eingehen von Gruppen im chronischen Erkrankungsbereich wird eingeräumt. Die Gründe für das dortige „Gruppensterben“ liegen danach eher in den Nachfolgeproblemen aufgrund des hohen Alters der Aktiven. Die Pandemie hat diesen Prozess verstärkt, weil die Menschen sich nicht mehr persönlich treffen konnten und digitale Alternativen dort weniger bis gar nicht genutzt werden (können). Laut dem Bericht der NAKOS wenden sich auffällig viele junge Menschen mit Ängsten und Depressionen an die Selbsthilfekontaktstellen, suchen Gruppen oder gründen selbst neue Gruppen. Zudem gibt es – je nach Region und Thema – sehr viele digitale / virtuelle Treffmöglichkeiten, die rege genutzt werden. (Vgl. dazu den Bericht)

Doch ist das wirklich realistisch? Für Hamburg lässt sich zwar auch ein leichter Anstieg der Beratungsanfragen im zweiten Pandemiejahr sowie der Gruppenunterstützungen durch KISS feststellen, doch von einem wirklichen Zulauf auf einem Niveau vor der Pandemie kann keine Rede sein. Was die Gruppengründungen angeht, dominieren hier die Suchtthemen, gefolgt von denen zu den psychischen Erkrankungen und den Lebensproblemen, darunter drei Gruppen aus der jungen Selbsthilfe und vier, die sich virtuell treffen. Ausdrücklich online treffen sich in Hamburg nach unserem Infostand – und der ist derzeit nicht so valide wie vor Corona – knapp 30 Gruppen. Das erscheint nicht realistisch, vermutlich gibt es da eher ein Informationsdefizit und es gibt deutlich mehr Online-Treffen, als wir wissen. Die Möglichkeit, sich online datenschutzsicher per Jitsi-Meets über unsere Selbsthilfe-App zu treffen, wird aber tatsächlich auch nur wenig genutzt.
Ob es wirklich einen (bundesweiten) Zulauf zur Selbsthilfe und eine erhöhte Nachfrage zur Selbsthilfe gibt, wird sich meines Erachtens erst Ende 2022 erweisen. Erst im Laufe des nächsten Jahres wird sowohl für die unabhängigen Gruppen als auch für die Selbsthilfeverbände ein realistisches Bild entstehen, welche Gruppen sich aufgelöst und welche Neugründungen stabil weitergearbeitet haben. Die kurzfristigen Auswirkungen der Pandemie auf die gruppenbezogene Selbsthilfe erleben wir gerade, die mittel- und langfristigen Effekte der Verbote und massiven Einschränkungen von persönlichen Austauschtreffen können wir dagegen nur erahnen. Erst die Zukunft erweist, ob sich hier eher Pessimismus oder Optimismus als richtig herausgestellt haben wird.

Frank Omland
Öffentlichkeitsarbeit

 

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