Rückblick Forum „Neue Wege in der Selbsthilfe“, Oktober 2019

Ein zentrales Thema, das viele Selbsthilfegruppen und -Organisationen bewegt ist der Generationswechsel und die Frage, was junge Menschen motiviert oder hindert sich als Betroffene zu engagieren. Für die Generation Y, der ab 1980 Geborenen, die bereits mit dem Internet groß geworden sind, gibt es viele Zuschreibungen. Sie würden sich vor allem selbst verwirklichen und Spaß haben wollen, statt langfristige Verpflichtungen einzugehen. Doch was bewegt junge Betroffene wirklich und was bedeutet das für die Selbsthilfe? Anstatt über die sogenannten Millennials zu sprechen, hat das siebte Forum „Neue Wege in der Selbsthilfe“ dazu eingeladen über die Generationenfrage miteinander ins Gespräch zu kommen.

Junge Selbsthilfe in Hamburg

Zunächst haben Vertreter*innen der Jungen Selbsthilfe in Hamburg die Gelegenheit genutzt, um darüber zu berichten, was sie bewegt und welche unterschiedlichen Aktivitäten sie über ihre Selbsthilfegruppen hinaus verfolgen. Seit Ende 2017 finden quartalsweise Netzwerktreffen statt, die themenübergreifend für alle jungen Selbsthilfeaktiven offen sind. Hier haben junge Betroffene im Alter zwischen 18-35 Jahren die Gelegenheit sich neben ihrem Engagement in Selbsthilfegruppen und/oder -Organisationen gemeinsam mit Vertreter*innen von KISS Hamburg auszutauschen, Kontakte zu knüpfen sowie Ideen für Projekte, Veranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit zu entwickeln. Ziel der Netzwerktreffen ist es, sich auf unterschiedlichen Ebenen für die Idee der Jungen Selbsthilfe einzusetzen und diese mitzugestalten. Seit Mitte 2018 treffen sich junge Selbsthilfeaktive zudem regelmäßig beim Stammtisch Junge Selbsthilfe (stammtisch-junge-selbsthilfe-hamburg@remove-this.posteo.de), um sich über ihre Selbsthilfearbeit auszutauschen und jungen Interessierten Fragen rund um die Selbsthilfe zu beantworten. Darüber hinaus beteiligen sich junge Aktive aus Hamburg auch bei den jährlichen Bundestreffen der Jungen Selbsthilfe (www.nakos.de/themen/junge-selbsthilfe) mit dem Ziel sich zu vernetzen; aus verschiedenen Erfahrungen und Perspektiven zu lernen; Pläne für eine stärkere Zusammenarbeit zu entwickeln und den Austausch im Portal Junge Selbsthilfe sowie über den Blog Lebensmutig (www.junge-selbsthilfe-blog.de) zu fördern.

Generationsunterschiede: Fakt oder Fiktion?

Karla Brinck von der Fakultät für Betriebswirtschaft der Universität Hamburg gab anschließend anhand der Jahrgänge 1946 bis 1999 (Baby Boomer, Generation X und Generation Y) einen Überblick über die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen, die diese Generationen prägen. So hat jede Generation spezifische Herausforderungen zu meistern (Krieg, Wirtschaftskrise, Tschernobyl, Mauerfall, Digitalisierung, Industrie 4.0, etc.). Gleichzeitig betreffen die heutigen Umstände uns alle, unabhängig von der Generation. Karla Brinck: „Dass sich Generationen hinsichtlich ihrer Arbeitswerte grundlegend unterscheiden, kann auf der Basis der vorgenommenen Analysen nicht bestätigt werden.“ Auf die Selbsthilfe übertragen bedeutet das zum Beispiel, dass medizinische und technologische Fortschritte Krankheitsbilder und -verläufe sowie Austauschmöglichkeiten verändern. Höhere Heilungschancen und bessere Hilfsmittel zur Bewältigung des Alltags sowie längere Berufsfähigkeit und veränderte Arbeitsbedingungen führen dazu, dass die eigene Generation in der Selbsthilfe vor anderen Herausforderungen steht, als vorherige und nachfolgende Generationen. Daher ist es wichtig, diese Unterschiede und Veränderungen generationsübergreifend anzuerkennen und sich über vorhandene Gemeinsamkeiten miteinander auszutauschen. Karla Brinck: „Unsere Gemeinsamkeiten sind vermutlich genau so groß wie das, was uns unterscheidet. Was uns eint ist, dass soziale Arbeitswerte wichtiger geworden sind.“ Und das ist doch ein guter Ansatz, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Gemeinsam, statt einsam

In dem anschließenden Workshop hatten die Teilnehmer*innen Gelegenheit sich darüber auszutauschen wie sie in ihren Gruppen/Organisationen (junge) Betroffene erreichen, welche Möglichkeiten und Chancen sie bieten und was sie selbst motiviert oder hindert sich in der Selbsthilfe zu engagieren. Die Teilnehmer*innen waren sich darin einig, dass die Kanäle, mit denen sie auf Selbsthilfe aufmerksam machen eine entscheidende Rolle spielen, um (junge) Betroffene, Interessierte und Multiplikatoren zu erreichen. Vor allem Soziale Medien wie Facebook, Instagram, YouTube und Messenger-Dienste werden genutzt, aber auch Online Seminare und Kooperationen mit Multiplikatoren (z. B. Ärzt*innen, Beratungseinrichtungen, etc.) erhöhen die Reichweite und den Bekanntheitsgrad des eigenen Themas. Doch was bieten Selbsthilfegruppen und -Organisationen Betroffenen? Durch den Austausch mit Gleichgesinnten sowie Fortbildungsangebote gewinnen Betroffene in der Selbsthilfe neue Handlungsperspektiven und können die Entwicklung mitgestalten, in dem sie Ämter oder Aufgaben übernehmen. Zudem bietet sich die Möglichkeit, sich politisch zu engagieren und das eigene Anliegen gemeinsam voranzubringen.

Damit Betroffene motiviert werden, sich langfristig an einen Zusammenschluss zu binden, sollten die Rahmenbedingungen und Kriterien wie Treffzeit und -rhythmus, so gestaltet sein, dass sie die Lebenswelt und Bedürfnisse Betroffener berücksichtigen und somit die regelmäßige Teilnahme ermöglichen, z. B. durch „Treffen, die zu den Arbeitszeiten von jungen Leuten passen (i.d.R. nach der Arbeit)“. In den Diskussionen zeigt sich, dass die eigenen positiven Erfahrungen in der Selbsthilfe, das angeeignete Expertenwissen, von dem auch andere Betroffene profitieren können, und der Wunsch etwas zurückgeben und bewegen zu wollen für die meisten Aktiven wichtige Treiber sind, sich langfristig ehrenamtlich zu engagieren. Gestärkt wird diese Motivation von dem Leitgedanken „gemeinsam, statt einsam“ und der positiven Resonanz auf das eigene Engagement. Dennoch stellt gerade auch die Vereinbarkeit der unterschiedlichen Lebensbereiche eine Herausforderung dar und die eigene Betroffenheit kann zugleich Motivation und Hindernis sein, sich kontinuierlich zu engagieren. Dies sowie stagnierende Neuzugänge erschweren häufig die Verteilung von Ämtern und Verantwortungsbereichen innerhalb der Gruppe oder Organisation. Einem langfristigen Engagement steht oft auch die Endlichkeit von Betroffenheit entgegen (z.B. pflegende Angehörige, bei denen die Pflegesituation endet).

Von anderen Generationen erwarte ich nichts

Der generationsübergreifende Austausch im Forum „Neue Wege in der Selbsthilfe“ hat bestätigt, dass Selbsthilfeaktive alters- und themenübergreifend mehr verbindet als trennt. Einige Teilnehmer*innen haben dies mit dem Satz: „Von der anderen Generation erwarte ich Nichts“ zum Ausdruck gebracht, d. h. ich begegne jüngeren und älteren Betroffenen ohne Vorbehalte und bin offen für das, was sie mitbringen. Insgesamt hat die Diskussion in den Workshops gezeigt, dass unabhängig von der jeweiligen Generation gegenseitige Offenheit, Flexibilität, Wertschätzung sowie Mut zur Übernahme von Verantwortung gewünscht wird – schließlich verfolgen alle das gemeinsame Ziel, die Zukunft ihrer Gruppe oder Organisation zu gestalten.

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