Kontaktabbruch zu den Eltern

Hannah, 50, und Catharina, 41, haben beide bewusst keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern. Zu schlimm sind die Vorkommnisse aus ihrer Kindheit, zu gering die Einsicht der Eltern, was sie ihren Kindern angetan haben. Beide sind erwachsen, Hannah hat selbst Kinder, beide wissen, dass aus Selbstschutz kein Kontakt richtig ist, und dennoch beschäftigt sie beide bis heute die schwierige Beziehung zu ihren Eltern.

Wenn Hannah ihren Sohn ansieht, werden schlimme Kindheitserinnerungen reaktiviert. „So klein war ich, als ich brutal verprügelt wurde. Und dann steigen in mir wieder diese Gefühle auf.“ Sie hat lange gebraucht, bis sie ihrem Vater all ihre Verletzungen aus der Kindheit sagen konnte. Sie hatte die Hoffnung, dass er erkennt, was ihr in ihrer Familie angetan wurde. „Ich wollte einfach den Satz hören: Das muss schlimm für dich gewesen sein.“ Ihm alles zu sagen, war eine Befreiung für sie, doch danach folgte die Trauer, weil der Vater sie nicht verstand und auch noch die Schuld bei ihr sah. „Wir haben nun keinen Kontakt mehr. Ich bin nun einerseits raus aus der Rolle des schuldigen Kindes, das nicht gesehen wird. Allerdings habe ich manchmal auch Schuldgefühle: wie kann ich das meinem Vater antun?“ Seit einiger Zeit macht sie eine Therapie, um die Gewalterfahrungen aus ihrer Kindheit und den Umgang ihres Vaters und der Stiefmutter damit aufzuarbeiten.

Auch Catharina erlebte eine Kindheit mit viel Gewalt. Mit 18 brach der Kontakt zum Vater ab, der sich weigerte, vollen Unterhalt zu zahlen. Im Kontakt zur Mutter, die kein Verständnis hatte, dass die Kindheitserlebnisse tiefe Wunden hinterlassen haben, waren konfliktfreie Begegnungen kaum möglich. „Um weitere Verletzungen und Enttäuschungen zu vermeiden und um aus permanenten Konflikten rauszukommen, habe ich die Beziehung schließlich ganz beendet“, sagt Catharina. Gelegentlich kommt eine SMS der Mutter, Catharina reagiert nicht, doch ein schlechtes Gefühl bleibt. „Da kommen gleich Gedanken hoch wie: ich bin nicht lieb, ich bin gemein zu meiner Mutter.“ Und gleichzeitig das Wissen, dass sie genau richtig handelt.
Catharina und Hannah haben aus den Erfahrungen ihrer Kindheit und den Umgang damit aber auch einiges gelernt und Fähigkeiten entwickelt, von denen sie profitieren, teilweise sogar beruflich. Diese Perspektive schützt vor den destruktiven Gedanken und Gefühlen, wenn es um die eigene Kindheit geht.

Die beiden wollen nun eine Selbsthilfegruppe mit anderen Erwachsenen gründen, die den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen haben oder kurz davorstehen. Denn in ihrem privaten Umfeld ernten sie meist nur Unverständnis, oft wird ihnen ein schlechtes Gewissen gemacht. Hannah: „Ich habe das Buch ‚Kontaktabbruch in Familien‘ von Claudia Haarmann gelesen, mit ihr telefoniert, und habe mich so verstanden gefühlt. Ja, das darf so sein, ich darf mich schützen! Denn die Ambivalenz wird immer da sein. Und Menschen zu haben, die einen bestärken, ist unglaublich wichtig.“

Der Kontaktabbruch wirkt sich auch oft auf die Beziehung zu elternloyalen Geschwistern, Onkeln oder Tanten aus, die eigenen Kinder verlieren ihre Großeltern. Catharina: „Die Gruppe kann zum Beispiel an Feiertagen unterstützen, sich nicht total unbeheimatet zu fühlen im Leben, wenn die Familie ein Komplettausfall ist.“
Außerdem sind beide gerne bereit, ihre Erfahrungen und Strategien im Umgang mit der Situation weiterzugeben. „Gerade für Menschen, die einen Kontaktabbruch vollziehen wollen, ist es hilfreich, sich einmal alle Baustellen anzuschauen, allen Gefühlen Raum zu geben und von anderen vielleicht best practice zu übernehmen oder gemeinsam Schritt-für-Schritt-Planungen zu entwickeln, um sich nicht zu überfordern“, sagt Catharina.

Die neue Gruppe wird sich ein- bis zweimal monatlich in Altona treffen. Kontakt über KISS Hamburg, Tel: 040 39 57 67.

 

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Selbsthilfe-Telefon: 040 / 39 57 67

Montag -  Donnerstag von 11 bis 17 Uhr (am Donnerstag, 20.1., wegen einer internen Fortbildung erst ab 13 Uhr)

 

Aktuell geöffnet

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