Körperdysmorphe Störung: Wenn die Scham zu groß und das Selbstwertgefühl zu klein wird

Der 29-jährige Oskar hat einige herausfordernde Jahre hinter sich. Weil er sich für sein immer dünner werdendes Haar schämte, wurde aus dem einst lebensfrohen und offenen Teenager ein isolierter junger Mann, der eine Angststörung und Suchtproblem entwickelte. Nun möchte er anderen Menschen, die sich selbst nicht ansehen mögen, helfen und eine Selbsthilfegruppe gründen.

Als er etwa 20 Jahre alt war, begann bei ihm genetisch bedingter Haarausfall und er fing im Zuge dessen an, sich sehr für sein Aussehen  zu schämen. Anfangs versuchte er, das durch Frisieren zu vertuschen, dennoch bekam er das eine oder andere negative Feedback. Stundenlang stand er vor dem Spiegel, betrachtete zwanghaft seine schütteren Kopfstellen und empfand sich als unansehnlich. „Ich habe mein Studium sehr vernachlässigt, weil ich mich isoliert habe, nirgendwo hingegangen bin. Ich verlor jede Lebenslust und habe angefangen zu trinken und zu kiffen“, erzählt er heute. Damals konnte er mit niemandem darüber reden, seine Eltern log er an, wenn sie fragten, wie es ihm gehe.
Mit 23 hatte er eine Art Zusammenbruch und beschloss, dass sich etwas ändern muss. Er beendete offiziell sein Studium, begann eine Ausbildung und schnitt sich die Haare kurz. „Für mich war das wie ein Coming-Out, eine richtig große Sache. Ich dachte, nun ändert sich alles.“ Doch er schämte sich weiterhin. Über die Jahre hatte sich eine Angststörung mit Panikattacken entwickelt, selbst der Gang in den Supermarkt löste diese aus. „Wenn ich zurückblicke, denke ich, dass ich völlig überreagiert habe. Heute weiß ich, dass mein fehlendes Selbstwertgefühl das Problem ist. Ich muss lernen, mich selbst zu akzeptieren.“

Damals hatte er diese Einsicht nicht. Wenn er andere Menschen mit Haarausfall sah, speziell Frauen, die selbstbewusst damit umgingen, zweifelte er sehr an sich und seiner inneren Stärke. „In dem Alter sucht man seinen Platz und seine Rolle, doch bei mir stimmte nichts, ich hatte nichts, worauf ich mich stützen konnte.“ Vor vier Jahren schließlich erzählte er seinen Eltern von seinem Problem und begann für ein Jahr eine Therapie.
„Dass ich auf Menschen zugehe und eine Selbsthilfegruppe gründe, wäre damals überhaupt nicht gegangen.“ Auch der Schritt, mit einer Journalistin zu sprechen und sich fotografieren zu lassen, wäre vor ein paar Jahren nicht möglich gewesen.

Er ist sich mittlerweile bewusst, dass er eine körperdysmorphe Störung hat. Noch immer kann er sich nicht ganz akzeptieren, aber über die Jahre ist es einfacher geworden, mit seinem Körper zu leben. Nun möchte er eine Selbsthilfegruppe gründen und sich mit Menschen austauschen, die ähnliche Herausforderungen haben. „Vielleicht kann ich anderen helfen. Ihnen den Rat geben, dass es sich lohnt, möglichst frühzeitig mit jemandem zu reden. Ich bin mir sicher, dass mein Leben anders verlaufen wäre, wenn ich früher darüber gesprochen hätte.“ Die Gruppe wird sich in St. Georg treffen. Kontakt über KISS Hamburg, Tel. 040 / 39 57 67 (Mo-Do 11-17 Uhr)

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