13.02.2020

Wie weiter mit der Eingliederungshilfe der Ambulanten Sozialpsychiatrie (ASP) in Hamburg?

Ein Gastbeitrag von Karin Momsen-Wolf, Landesverband der Angehörigen psychisch Kranker

Unter der Fragestellung „Eingliederungshilfe als Ausgliederungshilfe??!“ hatte der ASP-Initiativkreis am 20. Januar 2020 zu einer Tagung ins Hamburg-Haus Eimsbüttel geladen. Nach der Begrüßung durch den Sprecher der Initiative, Herrn Jan-Christian Wendt-Ahlensdorf, und Grußworten von Herrn Klaus Wicher vom SoVD (Sozialverband Deutschland) und von Herrn Dr. Claas-Gerhard Happach als Vertreter der Norddeutschen Arbeitsgemeinschaft Psychodynamische Psychiatrie e.V. wurde, auf dem Podium und später bei den Wortmeldungen, sehr schnell deutlich, dass die Schwerpunktsetzung des Initiativkreises überlagert wurde von der Benennung zentraler Problemstellen des Sozialpsychiatrischen Systems in Hamburg.

Frau Lauterbach vom Krankenhaus Sozialdienst, Herr Ramer von der Ambulanten Sozialpsychiatrie, Herr Ott, Genesungsbegleitung und Peerberatung Hamburg e.V., Herr Vörter-Vondey, Betreuer, und Frau Momsen-Wolf vom Landesverband der Angehörigen psychisch Erkrankter wiesen unter der Überschrift „Forderungen zur Änderung der Hamburger Eingliederungshilfe“ darauf hin, dass das größte Problem der ASP darin bestehe, dass sie einen elementaren Teil ihrer Aufgaben gar nicht wahrnimmt. Die BASFI (Behörde für Arbeit, Soziales, Familie, Integration) kann ihr Hamburger Modell nur deshalb als „erfolgreich“ verkaufen, weil sie einen Teil der Menschen, für die sie verantwortlich ist, nicht zur Kenntnis nimmt. Die große Gruppe schwer chronisch erkrankter Menschen mit komplexem Hilfebedarf ist nicht ins Sozialpsychiatrische System eingebunden oder erhält nicht oder nicht rechtzeitig die erforderlichen Hilfen. Darauf weist auch der Psychiatrieplan hin, der 2019 von der Bürgerschaft verabschiedet wurde. Es sind Menschen ohne Krankheitseinsicht; Menschen, die sich psychisch erkrankt, bereits erwachsen, ins Elternhaus zurückziehen; aus Kliniken Entlassene, ohne Anschlussbetreuung; Menschen, die auf Grund ihrer psychischen Erkrankung und damit verbundenen Verhaltensänderungen obdachlos werden; Menschen mit herausforderndem bürokratiefernem Verhalten. Es gibt in Hamburg viele, die ohne notwendige Hilfen bleiben.

Auf dem Podium bestand Einigkeit darüber, dass ambulante Betreuung regional und kontinuierlich erfolgen und viel früher einsetzen muss, um Chronifizierung, Zwangsbehandlungen und letztendlich Einweisungen in die Forensik  zu verhindern. Es brauche gemeindenahe psychiatrische Verbünde mit Pflichtversorgung in jedem Bezirk. Es brauche nicht nur eine Komm-Struktur, sondern aufsuchende Arbeit und kontinuierliche Betreuung. Niemand dürfe verloren gehen, auch nicht zwischen unterschiedlichen Leistungsanbietern. Die Versorgung müsse dem Patienten folgen, nicht der Patient der Versorgung. Ein Mensch mit komplexem Hilfebedarf ist mit der derzeitigen Struktur ebenso  überfordert, wie die beiden zuständigen Behörden mit Leistungen „wie aus einer Hand“ überfordert sind, wie sie das Bundesteilhabegesetz vorschreibt.
So müsse endlich sichergestellt werden, dass Träger der Eingliederungshilfe sich dieser bisher unterversorgten Gruppe von Menschen mit komplexem Hilfebedarf verbindlich annehmen, sei es nach einem Aufenthalt in der Akutstation der psychiatrischen Klinik, sei es bei Rückzug im Elternhaus, bei Konflikten mit Nachbarn oder mit der Polizei. Eine entsprechende personelle und finanzielle Ausstattung der Einrichtungen und des sozialpädagogischen Fachdienstes sollte einer Stadt, „die alle im Blick hat“, die gute Versorgung der von ihrer Erkrankung schwerst Betroffenen wert sein.
Als sehr negativ wurde beurteilt, dass weiterhin, trotz der jährlichen mahnenden Berichte der Aufsichtskommission, 600-700 Hamburger in Heimen in Schleswig-Holstein und Niedersachsen untergebracht werden, wo sie auch noch die letzten Bindungen, in der Regel die an die Familie, wegen der Entfernung verlieren. Eine Sendung von „Panorama 3“, die dieses Thema im Januar 2020 aufgriff und sowohl Gesundheits- wie Sozialsenatorin um eine Stellungnahme bat, blieb bezeichnenderweise ohne eine solche.
Nach der Podiumsdiskussion hielt der Arzt für Psychiatrie/ Neurologie, Psychoanalytiker, Gruppenanalytiker, Supervisor und Organisationsberater Dr. Rudolf Heltzel aus Bremen ein Plädoyer für den Kontakt, d.h. für eine verbindliche Beziehungsarbeit zwischen Klient und Therapeut in der sozialpsychiatrischen Arbeit. Die Abspaltung von Hilfen bei Wohnungslosigkeit oder bei Sucht sei hoch destruktiv, weil sie die gewachsene Beziehung zerstöre.
Die Beschreibung der Arbeitsergebnisse aus den vier Foren würde hier den Rahmen sprengen. Sie sollen zukünftig beim Veranstalter abrufbar sein. Daher gehe ich noch kurz auf das 2. Podium ein „Perspektiven der Hamburger Eingliederungshilfe“, zu dem Vertreter aller Parteien eingeladen waren. CDU und FDP waren der Einladung nicht gefolgt. Michael Gwosdz von den Grünen, Deniz Celik von der Linken und Regina Jäck von der SPD, alle drei Sozialpolitiker(-innen) zeigten sich unterschiedlich gut informiert. Nicht alle waren gleichermaßen bereit, einen Psychiatriebeirat und eine partizipative Psychiatrieplanung zu unterstützen.
Dass der „Psychiatrieplan“ vom April 2019 eine sehr sorgfältige Erhebung der Fakten darstelle, wurde aus dem Publikum heraus eingeräumt, dass es sich dabei jedoch keineswegs um einen Plan, um ein Konzept handele, das aufzeige, wohin sich die Hamburger Sozialpsychiatrie entwickeln solle, wurde bemängelt. Dass die Versorgung von schwer psychisch kranken Menschen mit komplexen Problemlagen ins Auge gefasst werden müsse, wurde in der gemeinsamen Sitzung des Gesundheits- und Sozialausschusses vom 4. Juli 2019 eingeräumt. Das hat aber bisher zu keinen sichtbaren Konsequenzen geführt. Es gibt immer noch kein Konzept für diese Gruppe.
Der Hinweis auf die im Juli 2019 noch bestehenden Probleme in der Zusammenarbeit der verschiedenen Hilfesysteme und in der engmaschigen Betreuung bei der Versorgung von Menschen mit komplexem Hilfebedarf hat im Jahre 2020 nichts von seiner Aktualität verloren.

Während die Sozialausschussmitglieder davon ausgingen, dass der versprochene Krisendienst für psychisch kranke Menschen, die in eine Krise geraten, und ihre Angehörigen bereits installiert sei, bekamen sie zu hören, dass man nicht einen Schritt weiter sei als vor einem Jahr. Die Adressaten sind nicht klar, der Ort nicht, die Finanzierung nicht. Es gibt trotz Ankündigung in der Hamburger Presse für November 2019 aktuell keine Krisendienstnummer. Die Ausschussmitglieder schienen überrascht und versprachen, nachzufragen. Im Publikum fand man sowieso: “Ein telefonischer Krisendienst ist überflüssig. Hamburger brauchen einen aufsuchenden Krisendienst mit einem multiprofessionellen Team.“

Insgesamt ein wichtiger Tag, der hier im Hamburg-Haus stattfand. Es gab viel fachlichen Austausch und hochprofessionelle Akteure – auch, wenn sich die beabsichtigte Thematik unter dem Ansturm der wachsenden Probleme in der Hamburger Sozialpsychiatrie nicht durchsetzen konnte, wie Herr Wendt- Ahlenstorf und Herr Vonday vom ASP-Initiativkreis, die viel Arbeit in die Vorbereitung investiert hatten, bedauernd zum Abschluss feststellten.

Karin Momsen-Wolf,
Landesverband der Angehörigen psychisch Kranker
www.lapk-hamburg.de

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