13.08.2018

‚Trendthema‘ Einsamkeit?

Der Mensch ist ein soziales Wesen: Freundschaft, Gespräche, Geborgenheit existieren im Austausch mit anderen. Trotzdem fühlen sich immer mehr Menschen, nicht nur in Deutschland oder in Großstädten, einsam. Studien wollen belegen, dass Vereinsamung ein wachsendes Problem der westlichen Zivilisation ist. Das moderne Leben in industrialisierten Ländern habe die Beziehungsgefüge der Menschen nachhaltig verändert, quasi fragmentiert. Individualismus und Vereinzelung nehmen zu, Großfamilien fallen weg, es existierten immer weniger gewachsene Gemeinschaften.

In den letzten Monaten sind in der Presse viele Artikel zum Thema Einsamkeit erschienen, der Psychologe Manfred Spitzer hat sogar ein Buch mit dem Titel „Einsamkeit. Die unbekannte Krankheit: schmerzhaft, ansteckend, tödlich“ herausgebracht, in dem er Einsamkeit als Krankheit und als Todesursache Nummer eins bezeichnet. In einer vielzitierten Studie (Julianne Holt-Lunstad et al.: Social Relationships and Mortality Risk) wird Einsamkeit mit der Schädlichkeit von 15 gerauchten Zigaretten pro Tag verglichen. Depressionen und andere psychische Erkrankungen können Folgen sein, ebenso Bluthochdruck oder ein erhöhtes Stresslevel. Zudem steige das Risiko für Erkrankungen des zentralen Nervensystems.
Handelt es sich um eine Epidemie im Verborgenen, wie das Rote Kreuz den Zusammenhang von Einsamkeit und Isolation betitelt?

Es wird zunehmend deutlich, dass Einsamkeit Menschen jeglicher Altersgruppen und in verschiedenen Lebenslagen treffen kann, z.B. beim Tod des Partners oder einer Trennung. Gesundheitliche Probleme können massiven Einfluss auf soziale Kontakte haben (eigenschränkte Mobilität, Sinnesschädigungen, Suchterkrankungen oder psychische Beeinträchtigungen). Verschiedene äußere Faktoren würden ebenfalls soziale Isolation begünstigen, genannt werden hier der Jobwechsel, der Renteneintritt, Wechsel in einen anderen Kulturkreis oder Armut.

Deutsche Sozialverbände und Politiker fordern seit einiger Zeit, dass dieses Thema präsenter wird. Als Vorbild wird hier Großbritannien genannt, wo im Januar 2018 ein Regierungsposten gegen Einsamkeit eingeführt wurde.

Mittlerweile sind aber auch kritische Stimmen zu vernehmen, die eine genauere Trennschärfe zwischen den Begriffen Einsamkeit und soziale Isolation fordern. Einsamkeit, so die Aussage, sei ein Gefühl – keine Krankheit – und nicht per se negativ. Viele Menschen suchten bewusst Einsamkeit, um z.B. zur Ruhe zu kommen.

Anders sehe es dagegen mit der sozialen Isolation, also der unfreiwilligen Einsamkeit, aus. Hier konnte in einer Studie nachgewiesen werden, dass Menschen, die sich häufig verlassen oder sozial isoliert fühlen, öfter an Bluthochdruck und Depression leiden würden und mehr Stresshormone im Blut hätten.

Erscheint es also sinnvoll, das Gefühl Einsamkeit in den Vordergrund zu stellen und nicht den gesellschaftlichen Aspekt der sozialen Isolation? Auch hier gehen die Diskussionen in der Literatur auseinander. Es sei leichter, ein gesamtgesellschaftliches Thema auf die individuelle Gefühlsebene zu heben, da somit politische Versäumnisse in den Hintergrund rückten. Wenn Menschen aufgrund von Verarmung, Kürzungen der Sozialleistungen, Anstellung in prekären Arbeitsverhältnissen oder Gentrifizierung nicht mehr am Leben teilhaben können, ihren gewohnten Lebensmittelpunkt mit all seinen sozialen Gefügen verlassen müssten oder aufgrund einer physischen und / oder psychischen Erkrankung weniger mobil sein können, wären teure gesellschaftlich-strukturelle Maßnahmen wie Armutsbekämpfung, Integration und sozialer und barrierefreier Wohnungsbau erforderlich, um diese Entwicklungen zu bremsen und deren fatale Auswirkungen zu minimieren.

Nun zeigt sich aber, dass viele Menschen nicht warten wollen, bis sich auf politischer Ebene etwas bewegt, sondern selbst aktiv werden. Einige Initiativen wurden bereits gegründet, um gegen die Vereinsamung vorzugehen und Menschen in die Gesellschaft zurückzuholen. In Berlin soll in diesem Herbst noch ein Telefonprojekt für einsame Hilfesuchende starten. Eine Hotline wird 24 Stunden am Tag zu erreichen sein, besetzt von geschulten Ehrenamtlichen. In Hamburg bietet z.B. das Diakonische Werk einen ehrenamtlichen Besuchsdienst für ältere Menschen in ihrem Zuhause an, der unter bestimmten Voraussetzungen kostenlos ist. In Berlin existiert eine Selbsthilfegruppe, die konkret Kontaktübungen anbietet. Diese im vertrauten Rahmen einzuüben könne helfen, wieder ein Urvertrauen zu sich und anderen aufzubauen. Auch in Hamburg sind bereits mehrere Gruppen zu finden, die sich mit dem Aspekt der sozialen Isolation auseinandersetzen. Bei der Bandbreite der Gruppen wird wiederum deutlich, wie viele verschiedene Risikofaktoren für Vereinsamung bestehen, z.B. Langzeitarbeitslosigkeit, Alter, Frühverrentung.

Einsame oder sozial Isolierte haben bisher kaum eine Lobby in der Öffentlichkeit. Daher können die genannten Initiativen oder das Engagement in einer Selbsthilfegruppe wichtige Bausteine bei der Sensibilisierung und Thematisierung für dieses Phänomen sein. Versorgungsangebote, vor allem auch psychotherapeutischer Art, müssten in größerer Zahl zur Verfügung gestellt werden. Denn wenn die soziale Isolation zu lange anhält, kann es unmöglich werden, aus eigener Kraft Reserven zu mobilisieren, die das Wiedergewinnen sozialer Kontakte ermöglichen.

Wichtig ist aber auch, Wege aus der Einsamkeit nicht Anbietern wie kommerziellen Kontakt- oder Partnerbörsen zu überlassen bzw. Internetfreundschaften nicht als Ersatz für ein ‚echtes‘ soziales Netzwerk anzusehen. Tiefe und Qualität ist in Beziehungen entscheidend, nicht die Quantität. Niklas Luhmann beschreibt diese Erkenntnis so: „Das personale Element in sozialen Beziehungen kann nicht extensiviert, sondern nur intensiviert werden“ (Liebe als Passion, 1994). Dies erscheint aber schon fast paradox in einer Gesellschaft, die auf Wachstum, Steigerung und Fortschritt gepolt ist.

Es wird deutlich, dass Vereinsamung nicht so leicht beschrieben und erklärt werden kann, wie vielleicht im ersten Moment gedacht. Sie ist ein Produkt aus vielen Einzelteilen, die in unserer Gesellschaft immer mehr an Bedeutung gewinnen. Wichtig scheinen die Auseinandersetzung mit den Begrifflichkeiten und der Appell, dieses Thema konstruktiv und gesamtgesellschaftlich, nicht nur auf individueller Ebene, anzugehen. Auch den Gesundheitsbereich stellt die soziale Isolation vor neue Herausforderungen, die definiert und bearbeitet werden müssen.

Bei KISS Hamburg existieren bereits Selbsthilfegruppen, die sich mit den Themen Einsamkeit und soziale Isolation beschäftigen. Da in der Selbsthilfeberatung Anfragen zu den Themen seit längerem ansteigen, gründet KISS Hamburg auch initiativ Gruppen dazu.

Silvana Waniek, Selbsthilfeberaterin, Kontaktstelle Harburg

Studien:
Julianne Holt-Lunstad et al.: Social Relationships and Mortality Risk auf www.plosmedicine.org. Aufgerufen am 24.05.2018 (http://journals.plos.org/plosmedicine/article?id=10.1371/journal.pmed.1000316).
Louise C. Hawkley and John T. Cacioppo: Loneliness Matters: A Theoretical and Empirical Review of Consequences and Mechanisms auf www.ncbi.nlm.nih.gov. Aufgerufen am 09.08.2018 (
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3874845/pdf/nihms538929.pdf)

Quellen:
Dr. med. Mabuse. Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe: Stilles Leid von Thomas Hax-Schoppenhorst und Christoph Müller, Nr. 234 Juli/August 2018
RP online: Einsam unter Menschen von T. Wolter. Aufgerufen am 24.05.2018
Spiegel online: Psychologie; Sechs Mittel gegen Einsamkeit von J. Merlot und N. Weber. Aufgerufen am 23.05.2018
Spiegel online: Gesundheitsrisiko Einsamkeit: Auch deutsche Politiker fordern mehr Einsatz im Kamp gegen Einsamkeit. Aufgerufen am 23.05.2018
Spiegel online: Psychologie und Gesundheit; Einsamkeit schadet genauso wie Rauchen. Aufgerufen am 23.05.2018
Stern.de / NEON: Nie allein, aber auch nie wirklich zusammen – warum so viele junge Menschen einsam sind von Eugen Epp. Aufgerufen am 01.08.2018
Tagesspiegel online: Berlin, Hauptstadt der Einsamen. Aufgerufen am 24.05.2018
ZEITonline / Wissen / Psychologie: Einsamkeit – eine tückische Trenddiagnose von Jakob Simmank. Aufgerufen am 29.05.2018

Öffnungszeiten der Kontaktstellen

Zur Zeit ist folgende Kontaktstelle telefonisch und persönlich zu erreichen:

Kontaktstelle Mitte

040/537 978 979



10.00 - 14.00 Uhr
Kreuzweg 7, 20099 Hamburg

(Der Aufzug im Gebäude ist aufgrund von umfangreichen Modernisierungsarbeiten bis Ende 2018 leider außer Betrieb. Wir bitten um Ihr Verständnis.)

 

Selbsthilfegruppen finden