18.11.2019

EX-IN – ein erfolgreiches Modell in der Hamburger Psychiatrie

Das Anliegen, Psychiatrieerfahrene in die Versorgung von Menschen in Krisen und in die Ausbildung von Mitarbeitern in der Psychiatrie einzubeziehen, trägt der Annahme Rechnung, dass jedes Wissen seinen Anfang in Erfahrungen hat. Darauf baut alles Weitere auf. Patienten als Erfahrene zu betrachten, sie als Experten nicht nur in eigener Sache, sondern auch als hilfreich für andere anzusehen, hat im deutschsprachigen Raum seit der Entwicklung trialogischer Formen der Zusammenarbeit Tradition. Mit der Experienced Involvement-Bewegung (EX-IN) setzt sich die wissenschaftlich vielfach belegte Erkenntnis durch, dass subjektive Konzepte, Einstellungen und Bewertungen sowie die individuellen Bewältigungsstrategien für Genesung und Recovery wertvoll und wichtig sind und somit Basis aller weiteren Interventionen sein sollten. Außerdem wird deutlich, dass die Erfahrung einer psychischen Erkrankung für die betroffene Person nicht nur Leid und Verzweiflung bedeutet, sondern auch zu einer besonderen Sensibilität und einem vertieften Verständnis menschlicher Entwicklungen mit ihren Chancen und Risiken beitragen kann. Dies kann in anderen, überindividuellen Kontexten hilfreich und nützlich sein: im persönlichen Austausch, in Selbsthilfegruppen und eben auch in bezahlter psychosozialer Arbeit.

In Hamburger EX-IN-Projekten, ursprünglich von 2005 bis 2007 ein Pilotprojekt der Europäischen Union, werden seit mehr als 10 Jahren die Erfahrungen und Erkenntnisse von Psychiatrie-Erfahrenen in den Mittelpunkt gestellt. Um Menschen, die eine schwere psychische Krise durchlebt haben, als Dozenten oder Mitarbeiter für psychosoziale Dienste zu qualifizieren, wurden Curricula, Lehrmaterialien, und Lehr- und Lernstrategien entwickelt. Nachdem das EU Projekt beendet war und bereits die ersten Pilotkurse in Hamburg und Bremen durchgeführt wurden, war die Resonanz auf das EX-IN Programm überraschend stark und die Nachfrage nach EX-IN Ausbildungen so groß, dass entsprechende Angebote schon bald über die Grenzen Hamburgs und Bremens hinaus angeboten werden konnten. Um die Verbreitung von EX-IN in Deutschland, der Schweiz und Österreich zu fördern und vermehrt Kurse anbieten zu können, die auch die Besonderheiten der jeweiligen Regionen berücksichtigen, wurden Kurse zur Ausbildung von Ausbildern entwickelt und umgesetzt.
In der Train the Trainer- Ausbildung werden die Philosophie, die Modul-Inhalte und die Methodik von EX-IN-Kursen vermittelt. Zudem wird das Kursmaterial zur Verfügung gestellt und Unterstützung bei der Planung und Organisation von EX-IN Kursen in der jeweiligen Region angeboten.
Die seit mehr als 10 Jahren gesammelten Erfahrungen werden jetzt auch für die Angehörigenfortbildung genutzt. In Hamburg starteten 2019 der 14. EX-IN Ausbildungskurs und der dritte EX-IN-Kurs für Angehörige.

Die Ausbildung von Erfahrungs-Experten lässt sich auch auf andere Hintergründe übertragen, beispielsweise auf Migration oder Armut. Es wird deutlich, dass der Bildungsgedanke eine enorme Kraft entfaltet. Die große Mehrheit der EX-IN-Teilnehmer berichtet, dass die Kurse nicht nur zu einer Qualifizierung für die Genesungsbegleitung führen, sondern auch ganz wesentlich zu Empowerment und Genesung selbst beitragen. Bildung, die dazu beiträgt, aus Erfahrung Wissen zu entwickeln, stärkt das Selbstvertrauen, erweitert Handlungsspielräume und unterstützt Betroffene darin, das eigene Leben selbst zu bestimmen. Die nach ähnlichen Prinzipien wie EX-IN arbeitenden Recovery-Colleges setzen genau da an. Bildung für alle: Vom Abendkurs zu Empowerment und Info-Workshop über Nutzerrechte bis zum Kurs über Fürsprache werden Bildungsangebote allen zugänglich gemacht, die sich persönlich entwickeln oder sich selbstbewusster im Hilfesystem bewegen wollen.
Es gibt noch andere Bereiche, die weiterentwickelt werden müssen. Notwendig ist eine Berufsanerkennung für Genesungsbegleiter, ein klares und gerechtes Entlohnungssystem sowie klare und verbindliche Qualitätskriterien für Ausbildung und Praxis. Die Gründung von Dachorganisationen ist ein wichtiger Schritt. In Deutschland hat der EX-IN Deutschland e. V. bereits Qualitätsstandards verabschiedet, die nun die Voraussetzung für die Anerkennung von EX-IN-Ausbildungskursen sind. Der Verein soll aber als Interessenvertretung auch die anderen Themen voranbringen. In den strukturell zersplitterten, unzureichend gesteuerten psychiatrischen Versorgungssystemen und im Spannungsfeld unterschiedlichster Interessenlagen ist es eine Herausforderung, eine neue Berufsgruppe mit einer neuen Dienstleistung zu etablieren. So lange dies noch nicht vollständig gelungen ist, bleiben Leitungskräfte, Kostenträger, engagierte Praktikerinnen, Psychiatrieplaner und Genesungsbegleiter aufgefordert, ihre Fantasie, ihre Spielräume und ihre Netzwerke zu nutzen, um der Weiterentwicklung von Peer-Arbeit eine Chance zu geben.

Seit einigen Jahren zeigen Angehörigenbegleiter in der ambulanten und stationären Psychiatrie in Hamburg, dass es ein großer Gewinn für Angehörige sein kann, von geschulten Angehörigen bei ihren Lebensprozessen begleitet zu werden. Die Angehörigenbegleitung vervollständigt die Hilfen für Familien mit seelischen Erkrankungen und stellt die persönliche und individuelle Lebenssituation der Angehörigen in den Mittelpunkt. Bisher wurden Angehörige eher als »Anhängsel « und nicht als eigenständige Personen mit eigenem Lebensentwurf wahrgenommen. Gerade dort aber, wo psychisch Erkrankte in ihrem Alltag von Angehörigen eng begleitet werden, wäre ein Gesprächsangebot für betroffene Angehörige sinnvoll und hilfreich. Über Kummer, Zweifel und auch Wut in einem intimen Gesprächsrahmen sprechen zu können und sich dabei der Solidarität des Gegenübers sicher sein zu können, verhilft zu der Zuversicht, die Angehörige so dringend brauchen. Und es hilft Ihnen, sich aus der Erstarrung und Fixierung auf das Leid allmählich zu lösen und das eigene Leben wiederzuentdecken. Allein auf sich gestellt, schafft dies kaum jemand. Das wissen Angehörigen theoretisch auch, aber um diese Erkenntnis auch leben zu können, brauchen sie eine solidarische und verbindliche Unterstützung. Dazu wurde in Hamburg ein EX-IN-Curriculum entwickelt und erprobt. Bundesweit sollte in der Praxis die selbstverständliche Einbeziehung der Angehörigenbegleitung in die psychosozialen Unterstützungssysteme zum Standard werden. Als Qualitätsmerkmal könnte die Genesungsbegleitung und Angehörigenbegleitung für eine trialogische und Recovery orientierte Psychiatrie bürgen.

Weitere Informationen: www.ex-in-hamburg.de Dort findet sich auch die Festschrift „10 Jahre EX-IN in Hamburg“ aus dem Jahr 2015.

Gyöngyvér Sielaff
(Projektleitung)

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