Interview zum 60. Geburtstag der Lebenshilfe Hamburg

Der Lebenshilfe Landesverband Hamburg e.V. wird dieses Jahr 60! Wir gratulieren und sprechen mit dem Vorsitzenden Dr. Matthias Bartke, der zudem Bundestagsabgeordneter ist, u.a. über die Entwicklung des Vereins, die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung, die Auswirkungen von Corona und vieles mehr.
 

Wofür steht die Lebenshilfe Hamburg?

Die Lebenshilfe steht für Vielfalt und Toleranz, für Solidarität und Zusammenhalt, für Freunde und Spaß!

amit meine ich: Die Lebenshilfe setzt sich für die vielfältigen Formen des Lebens ein, die alle eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft haben sollen. Wir vertreten die Interessen von Menschen mit Behinderung und beteiligen uns am politischen Diskurs zur Gestaltung des Zusammenlebens aller. Wir sind aber auch da, um Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen in jeder Lebensphase in ihrem Alltag unmittelbar zu fördern und zu unterstützen.
 

Wieso wurde die Lebenshilfe vor 60 Jahren gegründet?

Die Gründung der Lebenshilfe Hamburg war 1960 unmittelbar mit der Entwicklung der bundesweit ersten Sonderschule für Kinder mit geistigen Behinderungen verbunden. Sie war getragen vom Wunsch der Gründungseltern nach dem Recht auf Bildung und Anerkennung ihrer Kinder. Die Vorstellung der Nazis von „unwertem“ Leben aus dem dritten Reich hatte schlimmerweise noch immer einen festen Platz in vielen Köpfen der Deutschen.

om Mutters, der Gründer der Bundesvereinigung der Lebenshilfen, und in Hamburg der Sonderschulpädagoge Horst Ziebell, ermutigten die Eltern von Kindern mit geistiger Behinderung für deren Rechte einzutreten. Die Lebenshilfe-Organisationen verliehen den Menschen mit Behinderung und ihren Angehörigen eine Stimme. Seither setzt sich die Lebenshilfe gesellschaftlich und politisch für ihre Belange ein. Die Lebenshilfe bietet auch Bildungs-, Arbeits-, Wohn- und Freizeitangebote zur Unterstützung und Teilhabe der Menschen mit geistiger Behinderung an.
 

Welche Angebote, Aktivitäten, Projekte gibt es?

Ein wesentlicher Bereich der Lebenshilfe Hamburg ist die Schulbegleitung von geistig behinderten Schülerinnen und Schülern. Für sie ist eine gute Schulbegleitung wichtiges Element ihrer Beschulung. Die Lebenshilfe setzt sich daher seit Langem auch für eine angemessene Vergütung der Schulbegleiterinnen und -begleiter durch den Staat ein.

Unser Projekt „ZuFlucht Lebenshilfe“ kümmert sich um Flüchtlinge mit Behinderung. In dem Projekt werden vor allem hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeitende für eine kultursensible Begleitung von Menschen mit Fluchterfahrung geschult.

Im Bereich der Freizeitgestaltung sind vor allem unsere Selbsthilfe-Gruppen sehr aktiv. Sie gestalten gemeinsam ihre Freizeitaktivitäten. Dazu gehören neben Ausflügen und Feiern auch sportive Aktivitäten wie Hockey und Fußball. Der Verband selbst organisiert ebenfalls Veranstaltungen wie zum Beispiel unseren „Ball for All“ oder, gemeinsam mit anderen Akteuren in Altona, das Spielefest im Alsenpark.

Im Bereich der Bildung finden Interessierte Bildungsangebote für Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen wie auch für Fachleute der Behindertenhilfe. Unser Büro für Leichte Sprache bietet neben Fortbildungen auch Übersetzungsleistungen an.

Im Bereich Betreuung und Unterstützung bietet unser ambulanter Dienst Eingliederungshilfe-Leistungen wie Wohnassistenz und Hilfen zur Erziehung, familienentlastende Dienstleistungen oder Begleitete Elternschaft an.

Die weiteren vielfältigen Angebote der Lebenshilfe kann man auf unserer Homepage www.lhhh.de einsehen.
 

Was war vor 50-60 Jahren wichtig, was ist heutzutage wichtig?

Vor 60 Jahren ging es um nicht weniger als die Anerkennung des Rechts auf ein würdiges Leben für Menschen mit geistiger Behinderung. Diese Forderung hat bis heute leider nicht an Aktualität verloren. Bis heute wehrt die Lebenshilfe Angriffe auf die Daseinsberechtigung von Menschen mit geistiger Behinderung ab.

Zuletzt haben wir uns engagiert in der Debatte um die Kassenfinanzierung der sogenannten Pränataldiagnostik. Mit der Pränataldiagnostik können Frauen im Vorfeld erfahren, ob sie ein Kind mit Trisomie 21 zur Welt bringen werden. Die meisten Frauen, die von der Trisomie 21 ihres werdenden Kindes erfahren, treiben dann ab. Unsere Position dazu ist, dass Frauen dies grundsätzlich eigenständig entscheiden müssen. Der Staat sollte sich aber bei dieser Frage nicht einmischen.
 

Worauf kann die Lebenshilfe mit Stolz zurückblicken, was hat sie bewegt?

Der letzte große Erfolg der Lebenshilfe liegt nur wenige Monate zurück. Sie hat weitgehend im Alleingang dafür gesorgt, dass die Wahlrechtsausschlüsse für die etwa 85.000 Menschen unter Vollbetreuung abgeschafft werden. Viele von den sog. Vollbetreuten sind Aktivisten in der Lebenshilfe. Wir haben gegen die Wahlrechtsauschlüsse Klage vor dem Bundesverfassungsgericht erhoben. Und wir haben gewonnen!

Das machte einmal mehr deutlich, dass die Lebenshilfe die kraftvollste politische Vertretung der Menschen mit geistiger Behinderung ist. Genau so war es auch beim Bundesteilhabegesetz, das erst durch die massive Intervention der Lebenshilfe zu einem guten Gesetz geworden ist.

Schon in ihrer seit 1960 gültigen Satzung fordert die Lebenshilfe Hamburg Unterstützungsmaßnahmen für alle Menschen mit geistiger Behinderung, differenziert nach Alter und unterschiedlichen Bedürfnissen. Der Einsatz der Eltern für die Errichtung der ersten Sonderschule vor 60 Jahren war tatsächlich von eminenter Bedeutung.

Daraus ergab sich dann automatisch die Forderung zur Frühförderung wie auch angemessene Wohn-, Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten nach Beendigung der Schulzeit. Vieles davon konnte in Hamburg erreicht werden.

Besonders stolz sind wir darauf, Nachahmern Mut gemacht zu haben. Mut zur Selbsthilfe und Mut, die eigenen Interessen selbst zu vertreten. Insbesondere Letzteres ist für Menschen mit geistiger Behinderung keine Selbstverständlichkeit.


Was verbindet Sie mit der Lebenshilfe, wieso wurden Sie ihr Vorsitzender?

Schon lange bin ich den Anliegen von Menschen mit Behinderung eng verbunden, beruflich wie auch persönlich. Als Leiter des Integrationsamts Hamburg konnte ich den Betroffenen unmittelbar zur Seite stehen und mich für ihre Belange einsetzen.

Mit meinem Wechsel in die Politik bin ich diesem Engagement treu geblieben. Im Bundesteilhabegesetz habe ich durchgesetzt, dass Kündigungen von Schwerbehinderten ohne die vorherige Anhörung der jeweiligen Schwerbehindertenvertretung unwirksam sind. Und ich habe dafür gesorgt, dass ab Frühjahr nächsten Jahres alle Bundestagsdebatten simultan in Gebärdensprache gedolmetscht werden.

Als Politiker mache ich Gesetze. Umgesetzt und angewandt werden sie von anderen. Ich möchte aber sehen, wie unsere Gesetze umgesetzt werden und welche Schwierigkeiten sie mit sich bringen – also „die Mühen der Ebene“. Das erfahre ich bei der Lebenshilfe hautnah.


Wie begeht die Lebenshilfe den 60. Geburtstag und ist das Corona bedingt anders als geplant?

Auf jeden Fall ist dies anders als geplant. Natürlich wollten wir in unserem Jubiläumsjahr mit möglichst vielen Menschen feiern. Mitglieder, Unterstützer, Freunde, Interessierte, sie alle sollten dabei sein. Aus dem Kulturbereich hatten wir unter anderem Johannes Oerding und Mona Harry eingeladen. Aus der Politik hatten der Erste Bürgermeister und der Vizekanzler ihr Kommen zugesagt.

Und nun mussten wir die tolle Veranstaltung absagen. Es ist so schade! Aber seien Sie versichert: Wir lassen uns die Freude an diesem großartigen Ereignis nicht nehmen und holen es nach.
 

Betrifft die Corona-Lage Menschen mit Behinderung in besonderer Weise?

Ja! Menschen mit Behinderung gehören, das muss man leider sagen, mit zu den Verlierern der Pandemie. Aus unserer Sicht erhalten sie nicht genügend Informationen. So können sie nicht verstehen, was solche Dinge wie Lockdown oder AHA-Regeln bedeuten, geschweige denn, warum dies erforderlich ist oder wie es funktioniert. Das erzeugt Unsicherheit oder gar Ängste. Viele haben sich erstmal zurückgezogen.
Auch bei den Institutionen der Behindertenhilfe war die Verunsicherung zunächst groß. Wie ist unter diesen Umständen eine Versorgung möglich, die weder die unterstützten noch die unterstützenden Personen gefährdet?

Glücklicherweise hat die Stadt Hamburg schnell reagiert und finanzielle Hilfen zur Verfügung gestellt. Das neue Sozialdienstleister-Einsatzgesetz SodeG hat dazu neben der finanziellen Absicherung auch einen unbürokratischen Austausch von Ressourcen ermöglicht. Dennoch dauerte zum Beispiel der Lockdown in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung viel länger als anderswo.

ei allem Verständnis für diese Ausnahmesituation: Für die Zukunft würden wir uns wünschen, dass gerade die Menschen mit Behinderung in solchen Situationen schneller informiert werden.
 

Wenn Sie träumen dürfen: Wie sollte sich die Lage in fünf Jahren für Menschen mit Behinderung verändert haben?

Ich finde in den letzten 60 Jahren hat sich in der Behindertenpolitik unglaublich vieles zum Positiven gewandelt. Dennoch ist noch immer ein weiter Weg zu gehen.

Ich träume davon, dass Menschen mit Behinderung einen großen Schritt weiter in die Mitte der Gesellschaft machen. Dass Gleichberechtigung und Teilhabe weiter voranschreiten und bestehende Barrieren in allen Lebensbereichen weiter abgebaut werden. Und dass Unterstützungsleistungen wie die Schulbegleitungen für Schülerinnen und Schüler mit Behinderung auskömmlich finanziert sind und eine hohe Qualität aufweisen.

Die Fragen stellte Katja Gwosdz, Öffentlichkeitsarbeit

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