19.01.2017

„Diese Entscheidung habe ich noch nicht einen Tag bereut.“

Inga, 22, wusste viele Jahre nicht, dass sie Depressionen hat. Erst vor ein paar Monaten erhielt sie die Diagnose. Sie macht eine Therapie und geht parallel dazu in eine Selbsthilfegruppe für junge Depressive.


Beschreiben Sie bitte in Ihren Worten, wie sich Depression anfühlt.

Wenn es so richtig akut ist, bin ich sehr emotionslos, obwohl ich dauernd das Gefühl habe, ich könnte weinen. Ich fühle mich dann sehr schwach, als könnte ich gar nichts erreichen, und mir ist mein Leben egal. Mir geht es dann nicht nur psychisch schlecht sondern auch körperlich. Wenn ich aber gute Tage habe, kann ich mir gar nicht vorstellen, wie es ist, ein solches Tief zu haben. Und wenn ich ein Tief habe, kann ich mir nicht vorstellen, zu lachen oder glücklich zu sein.


Warum haben Sie sich entschlossen, in eine Selbsthilfegruppe zu gehen?

Ich weiß seit April 2016, dass ich Depressionen habe, aber eigentlich habe ich sie schon seit gut sechs, sieben Jahre. Damals habe ich das auf Pubertät oder Liebeskummer geschoben.

Ende letzten Jahres habe ich erkannt, dass ich Hilfe brauche, damit es nicht noch schlimmer wird, ich habe mich total schlecht gefühlt, auch körperlich. Deshalb bin ich schließlich in eine Klinik gegangen.

Ich hatte ein richtig heftiges Tief und war am Tiefpunkt meines Lebens. Meine Mutter und mein Stiefvater haben mich immer sehr unterstützt, waren nun aber im Urlaub. Ich brauchte jemanden zum Reden. Mein Stiefvater hatte mir schon länger geraten, in eine Selbsthilfegruppe zu gehen. Ich habe dann gegoogelt und die Seite von KISS Hamburg gefunden. So kam ich in Kontakt mit einer Selbsthilfegruppe für junge Depressive. Ich habe mit der Kontaktperson gesprochen und durfte gleich zum nächsten Termin dazu stoßen. Aber alles ohne Zwang, es hieß: Wenn du dich danach fühlst, komm vorbei, wenn nicht, dann eben beim nächsten Mal. Also bin ich hingegangen. Diese Entscheidung habe ich noch nicht einen Tag bereut.


Wie war für Sie das erste Treffen?

Ich war ziemlich nervös, aber die Leute waren sehr offen und freundlich. Ich war überrascht, wie einladend alle waren. Dadurch fiel es mir leicht, mich auf das Ganze einzulassen.

Wir saßen alle im Kreis und der Gruppenleiter erklärte das Konzept: Danach stellte sich jeder vor, mit Vorname, Alter und vielleicht auch Beruf. Jeder ging auf die Fragen ein: Wie ist man zur Diagnose gekommen? Was beschäftigt einen gerade besonders? Wie waren die letzten sieben Tage? Wir vergeben da immer Nummern, 1 heißt „schlecht“. 10 bedeutet „gut“. Am Ende beantwortet jeder diese zwei Fragen: Was habe ich heute mitgenommen? Und: Worauf freue ich mich in der kommenden Woche?  Allein durch das Reden geht es einem besser, auch weil man sieht, dass man nicht alleine ist, der Austausch tut wahnsinnig gut. Nach dem zweiten oder dritten Mal habe ich mich als Teil der Gruppe gefühlt, sie ist für mich mittlerweile ein fester Bestandteil der Woche. Vor meinem ersten Besuch dachte ich noch, dass ganz viel geweint wird und es keine schönen Momente gibt. Dass man viel Positives mitnimmt, war mir da noch nicht bewusst.


Heute geht es Ihnen viel besser. Warum sind Sie trotzdem noch dabei?

Weil es mir gut tut! Es kann jederzeit ein neues Tief kommen, die Gruppe ist sozusagen mein Rescue Paket. Die Gruppe hat mir viel gegeben, und ich kann den Neuen auch etwas geben. Außerdem mag ich die Leute sehr.


Inwiefern raten Sie anderen jungen Menschen mit Depression, in eine solche Gruppe zu kommen?

Der Austausch tut gut, man fühlt sich als Teil von etwas und ist nicht alleine. Man hat ja nichts zu verlieren. In der Klinik haben sie uns geraten, alles dreimal auszuprobieren. Anfangs ist man wahrscheinlich noch zu nervös, dann hat man möglicherweise noch vorgefasste Meinungen, beim dritten Mal kann man es dann richtig beurteilen. Allein diese drei Male helfen schon.

Selbsthilfe und Therapie ergänzen sich prima. In der Psychotherapie geht man sehr in die Tiefe, das ist fordernd und auch anstrengend. In der Gruppe geht es eher um Austausch, man lernt, wie die Depression die Sicht aufs eigene Leben verstellt und wie man damit lebt. Beides zusammen ist eine prima Kombination.

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